Peter Wawerzinek: »Ihr werdet noch von mir hören«

Der Autor Peter Wawerzinek  war mal Mitglied der Autoren-Nationalmannschaft . Wenn er ins Tor ging,  stellte er sich ein Gläschen Bier neben den Pfosten.  Er hat sich immer als »Außenseiter« gesehen. Bis er 2010 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann und mit seinem Roman »Rabenliebe« Kritiker und Leser begeisterte. Jetzt wird er sechzig . Wer ist dieser Mann?

Text: Manuela Thieme, Foto: ©Julia Baier / Verlag Galiani

Da sitzt er, urlaubsbraun, Drei-Tage-Bart, strahlende Augen. Es ist Mitte August, in seinem Verlag ist gerade die gedruckte Ausgabe von »Rabenliebe« angekommen. Mit einem Auszug aus dem Manuskript über seine verzweifelte Muttersuche hatte Peter Wawerzinek, 56, Ende Juni den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Es ist der wichtigste deutsche Lese-Wettbewerb. Die Truppe seines kleinen Berliner Verlags »Galiani« hat danach umgehend die Auflagenzahl korrigiert: Aus der geplanten Startgröße 5000 wurden 25 000 und aus dem aufgeregten Autor ein stiller Genießer.
Nach seinem Sieg saß er zwei Tage lang auf dem Balkon des Berliner Verlags-Büros an der Friedrichstraße zwischen Oleander, Hibiskus, Margeriten und Rosen, rauchte selig, lächelte in den weiten Hof hinein und sagte »ja«, »nein«, »später« zu den vielen Journalisten-Anfragen, die ihm die Galiani-Leute von ihren Schreibtischen aus zuriefen. Der Erfolg, die Glückwünsche, die Interviews, die Einladungen zu Lesungen – »das alles ist großartig genug, um es noch jeden Tag innerlich zu feiern«, gesteht der Autor Wochen später.

Fast zwei Jahrzehnte hat er als Schriftsteller davon geträumt, einmal einen großen Preis abzuräumen: »Ich wollte es allen zeigen, die dachten, ich bin eine verkrachte Existenz, die nichts mehr auf die Reihe kriegt.« Peter Wawerzinek wird als Kleinkind von der Mutter sitzengelassen, wächst in Kinderheimen an der Ostsee auf, ist ein guter Schüler, wird im dritten Anlauf adoptiert. Sein Pädagogikstudium in Greifswald tritt er nicht an, das zum Textilgestalter in Berlin bricht er ab. Er jobbt zehn Jahre alles Mögliche, nennt sich schließlich in den letzten DDR-Jahren einfach »freier Schriftsteller«. Er gehört zu den Ostberliner Subkultur-Kreisen, macht als Aktionskünstler Furore, heiratet, bekommt Kinder, wird geschieden, trinkt, feiert, reist, schreibt.
Nach der Wende wird der kleine Schalk zunächst als großes Talent gehandelt. Er veröffentlicht Bücher,  wirbelt durch die Literaturszene und erreicht doch nicht die gewünschte Flughöhe.  Immer weniger seiner einstigen Förderer und Fans halten zu ihm, immer öfter wird er als Szene-Clown und Partyschreck belächelt. Er treibt zunehmend einsamer durchs Leben. »Ich hab bockig allen gesagt, behaltet mich im Auge, ihr werdet noch von mir hören. Aber so richtig daran geglaubt habe ich eigentlich selbst nicht mehr.«

Die Gewissheit, bis auf ein paar gute Freunde allein und gottverloren in dieser Welt klarkommen zu müssen, kennt er. Er hat sich immer als »Außenseiter« gefühlt, als »Mangelwesen«, war lange ein »Schweigekind«, wie er es im Buch nennt. Als kleiner Junge im Heim spricht er mit den Vögeln, malt am liebsten Schnee, dann sagt er eine Weile zu allen und allem Ma-Ma, später wird er jemand sein, der voller Unruhe immer wieder vor sich selbst flieht. 2004 verlässt er Berlin, zieht sich aufs Land zurück, in den Norden, nach Wewelsfleth bei Hamburg. Hier beginnt er, mühsam das dramatische Puzzle seines Lebens zu ordnen. Es dauert – fünf, sechs Textversionen seines Manuskripts gibt es, bis 2010 »Rabenliebe« endlich fertig ist. Und auf einmal ist er da, der Zuspruch, der Applaus, die Anerkennung. Und das ausgerechnet für einen Stoff, der ihm lebenslang die Seele zerriss, der ihn zum Phantasten machte, ihn aber mitunter auch unausstehlich werden ließ, wie jene sagen, die ihn lange kennen.
Peter Wawerzinek wuchs heran mit dem Grundgefühl: »Etwas stimmt nicht mit mir.« Er weiß nichts über seine Herkunft. Erst nach und nach tröpfeln die Hiobsbotschaften in seine Kindheit. Seine Mutter hat ihn und die Schwester – er war zwei, sie knapp ein Jahr alt – einfach zurückgelassen, als sie 1956 von Rostock in den Westen ging. Der Vater war schon während der zweiten Schwangerschaft spurlos verschwunden. Die völlig verwahrlosten, verstörten, Kinder werden entdeckt, gerettet – und getrennt. Peter kommt ins Heim, wird mühsam aufgepäppelt, Beate, bei der die Folgen der Vernachlässigung noch größer sind, wird über Jahre im Stralsunder Krankenhaus einquartiert, dort später auch unterrichtet, bleibt in der Klinik, putzt und wäscht und reinigt, obwohl sie noch Schülerin ist. Von ihren Eltern hören die Kinder nie wieder etwas, erst mit 14 erfährt Wawerzinek überhaupt, dass er eine Schwester hat.
Zu der Zeit lebt er in einer Adoptivfamilie, beide Lehrer. Er mag die Ersatzeltern nicht. Sie haben ihn wegen seiner guten Zensuren ausgesucht, das Zeugnis lag in der Vitrine im Kinderheim aus. Sie wollen heile Familie spielen, immer nur geht es um gute Manieren, sie haben keinen Sinn dafür, was ein Junge seines Alters denkt und fühlt. Er sucht Wärme, Vertrauen, Geborgenheit, will etwas riskieren, die Welt verstehen und vor allem wissen, woher er kommt. Er erfährt nichts,
nur die Oma, die mit im Haus wohnt, flüstert ihm immer mal etwas zu. Über jene Jahre schreibt Wawerzinek im Buch: »Ich lebe im Verborgenen, mein Leben verläuft unter Pseudonym.« Und setzt noch eins drauf: »Ich bin eine menschliche Plastik.«
Er kam als Peter Runkel auf die Welt. Durch seine Phantasie geistert die Mutter als Sehnsuchtsfigur, mal schüttelt es ihn heiß, mal kalt, er hält ihr »als Herzschrittmacherin« lange einen Platz frei. Je mehr sie ihm fehlt, desto mehr ist er bereit, ihr den Verrat zu verzeihen.

Erst Jahrzehnte später, im September 2005 ist es endlich so weit: Er besucht sie. Da ist er schon über fünfzig, sie siebzig. Die Frau, die für immer verschwunden schien, war im Bundeswahl-Verzeichnis wieder aufgetaucht. Der Pressesprecher aus dem Ministerbüro Scharping, den Wawerzinek kannte, hatte die Rechercheanfrage gestartet und ihn mit der Adresse versorgt. Im April 2006 erscheint in DAS MAGAZIN ein Text über die erste Begegnung. »Da bist du ja« heißt der Bericht über den Besuch bei seiner Mutter im hessischen Eberbach. Er dauert drei Stunden, sie hat eine eingeschweißte Kuchenrolle bei Lidl gekauft, sieht ihn unbeteiligt an und bestreitet die ganze skandalöse Vergangenheit. Im Buch ist dieser Teil nun das fatale Ende der Geschichte. Der Tag, auf den Wawerzineks ganzes Leben zulief, bringt ihm Klarheit darüber, dass er noch acht Halbgeschwister hat, und blankes Entsetzen über die regungslose Frau: Er nennt die Mutter »ein Monster«.

»Eine Erschütterung« lautet der Untertitel des Buches. Es ist ein Roman, voller Poesie und Polemik, keine klassische Autobiografie. In dem Buch gibt es viele grandiose Sätze, einer der stärksten ist zweifellos der inzwischen oft zitierte: »Ich möchte mein Thema wie einen Bombengürtel tragen, mich mit ihm in die Luft jagen. Anders gelingt der Roman zur Mutter nicht …« 700 Seiten war das Manuskript lang, das er eingereicht hat, 450 sind davon Buch geworden. Das Kürzen stört ihn nicht: »Das ist wie bei einer hochgewachsenen Hecke, die muss auch beschnitten werden.« Den Text ergänzen immer wieder Nachrichtenschnipsel über tote Babys, vernachlässigte, gequälte, verhungerte Kinder. Diese Unterbrechungen wirken im Umfeld von Wawerzineks suggestivem, fast lyrischem Ton denkbar fremd, doch genau das wollte er: Rhythmusstörungen, die immer wieder klarmachen, dass seine Tragödie nur eine von vielen ist.
Wawerzineks Ankündigung im Buch finale, unter sein ganzes Mutter-Dilemma nun endlich einen Schlusspunkt setzen zu wollen, wird er wohl vertagen müssen. Seit dem Bachmann-Preis haben sich schon einige Leute gemeldet, die ihn nun mit neuen Details seines frühen Lebens versorgen. Darunter eine Heimmitarbeiterin. Er hat vorher nicht wie ein Historiker alle Archive gewälzt, Zeitzeugen befragt, Spuren ermittelt: »Ich wollte nicht aufschreiben, was man heute zusammentragen kann, sondern die Imagination des Kindes vermitteln, das älter und immer verzweifelter wird, weil ihm etwas fehlt, was die allermeisten ganz selbstverständlich haben: eine Mutter.«
Peter Wawerzinek erzählt seine schmerzhafte Geschichte so, wie sie ihn in seinen Erinnerungen jahrelang beschäftigt hat, wohl wissend, dass die Erinnerung oft »eine Märchengrotte« ist, wie er so schön schreibt. Amüsiert berichtet der Autor von den ersten Korrekturen, die es inzwischen gab. Der Tischler, der ihn vor dem Lehrerehepaar adoptieren wollte, hatte zum Beispiel drei, nicht zwei Töchter. »Die eine war schon fast erwachsen, die habe ich als Kind offenbar ausgeblendet«, kommentiert Wawerzinek. Und das Säuglingsheim, in dem er zunächst untergebracht wurde, stand in Demmin und nicht in Grimmen. In der stillen Post, die ihn später erreichte, war es »ein Ort mit Doppel-m in der Mitte«. Und Grimmen lag für Wawerzinek, der aus Rostock stammte, näher als Demmin.
Er ist sich sicher, dass in den nächsten Monaten noch einige Menschen ihren Teil seiner Geschichte beisteuern werden, und ist gespannt darauf.

Vier seiner Halbgeschwister in Eberbach haben sich auch schon gemeldet und gratuliert. Sie wollen das Buch an die Mutter weitergeben. »Die Hoffnung, dass sie es liest, habe ich nicht«, meint Wawerzinek, »aber ich bin ja Meister im Abwarten.« Die anderen vier Halbgeschwister wollen wiederum ihre Ruhe. Seine Schwester Beate in Stralsund ist auch skeptisch, sie hat den Kontakt zur Mutter nie gesucht; im Gegenteil, sie meint, »solche Menschen gehören vor Gericht«. So zitiert sie zumindest der Bruder. Er hatte die Schwester mit 18 für zwei Jahre in seine Adoptivfamilie geholt. Als er dann zur Armee musste, ging Beate zurück nach Stralsund in die Klinik und heiratete den Heizer, der ihr schon immer schöne Augen gemacht hatte. Noch heute arbeitet sie in der Wäscherei, die das Krankenhaus versorgt. Wawerzinek bewundert sie für ihre Energie und ihr wackeres Leben, das ihr trotz des üblen Schicksals gelungen ist. »Sie ist allerdings noch dünnhäutiger als ich, ich hatte ja wenigstens das Schreiben, um mich mit dem Unfassbaren zu beschäftigen.«

Peter Wawerzinek hofft, dass ihn die, die ihm nahe sind, durch das Buch besser verstehen. Gespannt ist er auf die Reaktion seiner Kinder. Immer mal wieder warfen ihm vorlaute Kollegen und Mitstreiter in den schwierigen Jahren vor, dass er als Vater ja auch alles andere als eine Idealbesetzung sei. Peter Wawerzinek hat zwei Söhne und zwei Töchter aus zwei Beziehungen. Als die erste vorbei war, ließ ihn die Ex-Frau wissen, dass sie Künstler für denkbar schlechte Vorbilder hält und verbietet deshalb jeglichen weiteren Umgang. Vielleicht hätte er mehr um seinen großen Sohn und die Zwillinge kämpfen können, sagt Wawerzinek, aber Väter hatten vor zwanzig Jahren de facto keine Chance aufs Sorgerecht. Mit der zweiten Frau war es nicht so kompliziert, nach der Trennung lebte die gemeinsame Tochter sechs Jahre bei ihm. »Erst in der Pubertät wollte sie wieder zur Mutter, sie sagte,ich hätte als Mann keine Ahnung von dem, was da jetzt auf sie zukommt.«
Allen vier Kindern kann er jetzt dank Bachmann-Siegprämie und Buchhonorar endlich mal etwas Geld überweisen, darauf ist er ganz stolz. Seine neue Freundin, sie ist technische Mitarbeiterin an einem Theater, managt das alles. Sie hat ihm vor anderthalb Jahren das Gästesofa ihrer Wohnung angeboten, damals wollte Wawerzinek zurück nach Berlin und hatte keine eigene Bleibe. Heute kann er mit ihr mal nach Dublin in den Urlaub fahren und wird zwischendurch vom SWR für eine Talkshow nach Stuttgart eingeflogen. Dort sitzt er dann mit Heino, dessen Tochter vor drei Jahren spurlos verschwand, und redet über biografische Traumata.
Seine Rolle in diesen Runden ist dankbar: Er hat sich selbst befreit und ist der Autor, der es ohne große Lobby und Klüngelverdacht in diesem Literaturjahr ganz nach oben geschafft hat. In der flapsigen Wawerzinek-Art klingt das dann so: »Keine Frage, als Heimkind habe ich’s weit gebracht.«
Manchmal quietscht er sogar vor Vergnügen: »Wer hätte gedacht, dass ich es mal auf den Sockel zu Plenzdorf und Hilbig schaffe. Die habe ich verehrt, und nun stehen wir beim Bachmann-Preis in einer Reihe.« Die Aufmerksamkeit will er nutzen, um verkannte Dichter, die er jedoch schätzt, vielleicht etwas populärer zu machen. Es fallen Namen wie Elke Erb, Leonhard Lorek, Johannes Jansen, »Matthias« BAADER Holst. Radikale Lyriker, Sprachspieler, Wort-Sprengmeister wie er. »Wir kommen von den Rändern, sind Grenzgänger, und das größte Kompliment ist, endlich ernst genommen zu werden.«
Über den jung gestorbenen BAADER Holst hat Wawerzinek selbst gerade ein Buch geschrieben (siehe Link). »Das Desinteresse. Festschrift für einen Freund« erschien im Hallenser Hasenverlag. Als Nächstes will er sich an Schwarzhumoriges machen. »Ich denke, das ist mein eigentliches Talent«, sagt Wawerzinek, er kündigt Liebeslieder und Gedichte an. Aber erst mal will er die »schäumende Riesen-Welle«, die ihm »Rabenliebe« brachte, noch mitnehmen: »So etwas passiert nur ein mal im Leben, das ist mir völlig klar.« Umringt vom Blütenbunt der Blumentöpfe auf dem Verlags-Balkon zündet er sich eine Zigarette an und kichert glücklich.

Lektüreempfehlung: »Rabenliebe«, Galiani Berlin, Taschenbuch, 10, 99 Euro

 

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