Thüringens Wahlergebnis: Wie fast vor 100 Jahren

Anzeige aus dem Apoldaer Tageblatt vom 19. Juni 1920 – sie erschien einen Tag vor der ersten Landtagswahl in Thüringen, die das Patt der beiden politischen Lager bestätigte
Die politischen Vorlieben der Thüringer sind weniger modisch als gedacht. Das Wahlergebnis von Anfang September 2014 ähnelt dem von 1920 auf erstaunliche Weise

Text: Chris Deutschländer

Wählen lohnt sich kaum, könnte man meinen, wenn man sich das Ergebnis der ersten Thüringer Landtagswahl von 1920 anschaut. Es entspricht im Prinzip dem vom letzten Sonntag. Selbst die Hochburgen der einzelnen Parteien ähneln denen von damals auf erstaunliche Weise.

Die sieben Thüringer Kleinstaaten bildeten im Laufe des Jahres 1920 das Land Thüringen. Am 20. Juni gab es die erste Landtagswahl. Stärkste Partei wurde die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei), die sich wenige Jahre zuvor von der SPD abgespaltet hatte und sich später zu großen Teilen der KPD anschloss. Man kann diese Partei also durchaus mit der heutigen Partei Die Linke vergleichen. Und raten Sie mal deren Ergebnis? 28,2% waren es 2014, 1920 genau 27,87%.

Die SPD wurde auch damals drittstärkste Partei. Mit 20,35%. Es gab ja damals auch den grünen Ableger noch nicht. Würde man den heute dazurechnen, käme man 2014 auf: 18,1%.

 Die Stimmen im bürgerliche Lager teilten sich auf 4 Parteien auf, wobei der Thüringer Landbund mit 20,61% den stärksten Anteil hatte. Insgesamt erreichten diese Parteien 50,55% der Wählerstimmen. CDU, AfD und FDP und die Freien Wähler kommen 2014 auf 48,3 %.

 Es gibt auch viele lokale Wahlergebnisse in Thüringen, die sich in den letzten fast 100 Jahren kaum verändert zu haben scheinen. So ist z.B. der Zustimmungsunterschied zwischen USPD/ Linke und SPD im früheren Volksstaat Reuß (heute die Region Gera) immer noch auffällig groß: 1920 – 45,96% zu 5,09%, heute 35,5% zu 9,7%.

Die Hochburg der bürgerlichen Parteien, den früheren Teilstaat Sachsen-Weimar-Eisenach erkennt man heute noch an den Wahlergebnissen. So ist Eisenach die einzige kreisfreie Stadt, in der die CDU vor der Linken liegt und der Landkreis Weimarer Land der einzige, in dem die CDU mehr Stimmen bekommen hat, als SPD und Linke zusammen.

Und nun wird der aufmerksame Leser rufen: Das kann nicht sein – da sei das Eichsfeld vor. Als  Autor muss ich darauf verweisen, dass ich das Thüringen in den Grenzen von 1920 mit dem heutigen vergleiche. Der territoriale Unterschied ist nicht gering: Wesentliche Teile gehörten damals als Regierungsbezirk Erfurt zur preußischen Provinz Sachsen, kleinere Teile (Schmalkalden) zur preußischen Provinz Hessen-Nassau.

Da aber neben dem schwarzen Eichsfeld (2014: 53,5% CDU) auch das rote Suhl (2014: 37,6% Linke) noch nicht zum Land Thüringen gehörte, dürften die Aussagen über die Konstinuität des Wahlverhaltens einer Region schon eine beträchtliche Relevanz aufweisen. Und das über alle Krisen, Kriege, Diktaturen der letzten hundert Jahre hinweg.

Wie ging es nun im ersten Thüringer Landtag weiter?

Wie heute gab es praktisch ein Patt. Die Regierungsbildung dauerte bis zum November. Dann regierte eine Minderheitsregierung aus SPD und Deutscher Demokratischer Partei (DDP), toleriert von der USPD. Eine auf den ersten Blick nicht unkreative Lösung.

Was es zu neuen Entwicklungen in Thüringen zu sagen gibt und warum man sich eine höhere Wahlbeteiligung nicht unbedingt wünschen sollte: Bitte den Links folgen.

Wir sind gespannt auf Ihre Meinung & sagen schon mal danke!

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