RB – warum eigentlich ausgerechnet in Leipzig?

Philipp - Flickr: Leipzig von oben: Zentralstadion
Text: Chris Deutschländer

Die Fans des Fußballzweitligisten Union Berlin werden am kommenden Sonntag sich und ihr Stadion in eine Blackbox verwandeln, um damit gegen das Leipziger Fußballprojekt Rasenballsport (kurz RB) zu protestieren. Am Eingang bekommt jeder Union-Fan eine schwarze Regenjacke.
Zu beiden Vereinen wäre viel zu sagen, ich will aus aktuellem Anlass aber vor allem mal  klären, warum sich Red Bull mit Leipzig ausgerechnet einen ostdeutschen Standort für seine Fußballmission in der Bundesrepublik ausgesucht hat. Und nicht etwa Hannover oder Nürnberg zum Beispiel. Dazu muss man ein bisschen weiter ausholen, denn es hat vor allem mit Demografie zu tun.
 
Im Januar 1900 wurde in Leipzig der DFB gegründet. Ein Dachverband also, der das Fußballspielen zwischen Klubs aus verschiedenen Orten des Reiches und zunächst darüber hinaus (der DFC Prag stand im ersten Meisterschaftsfinale) organisieren sollte. Leipzig lag ziemlich in der Mitte des damaligen Reiches und war mit etwa 450.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt des Landes nach Berlin, Hamburg und München. Die Einwohnerzahl erreicht 1938 seinen Höchststand bei über 700.000 Einwohner, nach dem 2. Weltkrieg war Leipzig immer noch die viertgrößte deutsche Stadt mit ca. 600.000 Einwohnern; 1991 waren es noch 500.000.
1998 erreichte die Zahl der angemeldeten Einwohner mit 437.000 den bisherigen Tiefpunkt. Heute hat Leipzig nicht zuletzt durch Eingemeindungen wieder über 500.000 Einwohner – ist aber nur noch die zwölftgrößte deutsche Stadt.

 
Viele Zahlen zugegeben. Aber sie illustrieren meiner Meinung nach am besten das Problem des Leipziger Fußballs, wie wir ihn bis zum Beginn des jetzigen  Jahrhunderts kannten. Die drei größten deutschen Städte vertragen zwei große Vereine (Bayern/1860, HSV/St. Pauli, Hertha/Union). Und die früher viertgrößte Stadt vertrug sie auch – die zwölftgrößte jedoch nicht mehr. Und auch Köln, Frankfurt, Stuttgart (heute Platz 4-6 der Einwohnerstatistik) haben nur einen erfolgreichen Verein, wenngleich die jeweilige Nummer zwei immer mal auf sich aufmerksam macht.
 
So kam im Laufe der letzten zehn Jahre, was allein schon aus demografischen Gründen kommen musste: Beiden Vereinen, Chemie/Sachsen im Westen und VfB/Lok im Osten der Stadt, brach die Fanbasis weg, die Vereine gingen mehrfach in Insolvenz, wurden sogar aus dem Vereinsregister gestrichen und spielen nach einer Neugründung heute unter exakt den gleichen Namen, die sie vor dem Mauerfall trugen. Der „1.FC Lok“ in der fünftklassigen Oberliga,  die „Betriebssportgemeinschaft Chemie“ in der sechstklassigen Sachsenliga.  
 
Nirgendwo in Deutschland (die nächstgrößte Stadt ohne Fußballklub in den ersten vier Ligen ist Bonn mit 327.000 Einwohnern), war also soviel Platz für den Konzern aus dem Süden mit den vollen Geldkoffern und dem noch größeren Versprechen auf großen Fußball als in Leipzig. Nirgendwo gab es so viel potentielle junge Fußballfans, Leipziger Kinder und Teenies, die das Chemie- oder Lok-Gen nicht mehr von ihren enttäuschten Eltern vermittelt bekamen. Dazu der Familiennachwuchs von nach der Wende zugewanderten Beamten, Journalisten, Künstlern, deren Eltern mit den vorhandenen erfolglosen Alt-Vereinen und ihren Traditionen nichts anfangen konnten. Nicht zu vergessen die Zehntausenden Studenten aus allen Teilen Deutschlands, die sich für ihren Studienort einen attraktiven Zweitverein wünschen.
Und auch wichtig: Es stand ein exzellentes Stadion leer. Stadt und Stadionbetreiber Michael Kölmel (übrigens größter und wohlwollender Gläubiger von Union Berlin) waren froh, dass das Zentralstadion endlich einen zahlungskräftigen Mieter fand.
Hilfreich war dann sicher auch, dass ostdeutsche Fußballfans der aktiven Mitarbeit in eingetragenen Vereinen reservierter gegenüberstehen oder schlicht weniger Erfahrung damit haben als anderswo, jedenfalls haben sie die fragwürdige Konstruktion des RBL e.V. erstaunlich unkritisch akzeptiert. Diese sah lange nur wenige ausgewählte Mitglieder vor und auch nach den von der DFL erzwungenen Veränderungen gibt es für die Fans nur eine Mitgliedschaft ohne Stimmrecht.

 
Insgesamt aber hat die Ansiedlung von RB Deutschland in Leipzig (RB unterhält neben dem Stammsitz in Salzburg auch noch Filialen in Ghana, Sao Paolo und New York und ein Farmteam* mit dem originellen Namen FC Liefering) nicht in erster Linie mit der Duldsamkeit ostdeutscher Seelen zu tun, sondern viel mit den Mühen ostdeutscher Städte, Länder und eben auch Fußballklubs, den demografischen Veränderungen, die mit wirtschaftlicher Schrumpfung einhergehen, mit Würde zu begegnen.
 
Und darum ist auch nicht damit zu rechnen, dass RB Leipzig das gleiche Schicksal widerfährt wie 1953 dem ZSK Vorwärts Leipzig, der als zentraler Klub der „Kasernierten Volkspolizei“ in der Stadt nicht willkommen war und praktisch aus ihr vertrieben wurde. Aber das ist wieder eine eigene Geschichte, die nur auf persönlichen Wunsch weiter erzählt wird.
 
*Farmteam sind offiziell eigenständige Klubs, die meist in der zweihöchsten Spielklasse eines Landes antreten und in dem der Großverein seine talentierten jüngeren Spieler für ein oder zwei Jahre parkt. Danach sollen diese Spieler dann zu den Hauptklubs zurückkehren. Farmteams sollen also »liefern«, weshalb FC Liefering schon eine passende Bezeichnung ist. Tatsächlich soll es sich um einen Stadtteil von Salzburg handeln. Aber bei RB weiß man nie.
 
Zur Frage nach der organisatorischen Zukunft des deutschen und speziell ostdeutschen Fußball dann in Kürze mehr. Stehen DFL und DFB vor der Spaltung?

 

Advertisements

Wir sind gespannt auf Ihre Meinung & sagen schon mal danke!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s