Braucht Deutschland eine neue Fußball-Liga?

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Protest gegen große Investoren und Mäzene im Profifußball schön und gut, ist es an der Zeit, grundsätzlich neue Wege zu gehen? Zumal die Fernsehquoten sinken, wenn bald nur noch Mannschaften ganz oben spielen, die von “Sugar Daddies” finanziert werden

Text: Chris Deutschländer, Illustration: Kirsten Hinte/Shutterstock

September 2014: Paderborn spielt sich kurzzeitig an die Tabellenspitze der 1. Bundesliga, Union Berlin  schlägt im „Kulturkampf“ RB Leipzig – für den Augenblick scheint die Welt der kritischen Fußballfans wieder halbwegs in Ordnung. Doch ihr Zweifel daran, dass der organisierte Fußball in Deutschland vor einer Zäsur steht, wird schnell wiederkehren.  Die Situation ist und bleibt in der Saison nach dem überraschenden WM-Triumph dramatisch wie nie zuvor. Denn die anstrengungslos zu Wohlstand gekommene Klubs haben in der ersten und zweiten Bundesliga inzwischen eine kritische Masse erreicht (Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim, RB, Ingolstadt).

Immer mehr große Investoren und Mäzene beeinflussen die Erfolgsaussichten. Für viele Vereine in West- und insbesondere in Ostdeutschland gibt es keinen Anreiz mehr, sich selbst eine Perspektive zu erarbeiten. Aufwendige Nachwuchsarbeit, langjähriges Bemühen um neue Mitglieder und Sponsoren oder Eigeninitiativen beim Stadionausbau scheinen nutzlos. Die Aussichten werden immer schlechter, sich in einem fairen Wettstreit mit anderen Klubs und deren engagierten Fans, Mitgliedern und Sponsoren nach oben bis in die aufmerksamkeitsstarke 1. Bundesliga zu arbeiten.

Die erkennbare Wandlung hin zu einer „Konzern-Liga“  hat Folgen. Die Nachwuchsarbeit, gerade noch als Schlüssel zum Wiedererstarken des deutschen Fußball gefeiert, wird keine weitere Professionalisierung in der Breite erleben, eher werden sich viele kleine und mittlere Vereine daraus zurückziehen. Die vier weit überproportional durch fußballfremdes Geld finanzierten Klubs Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim, RB dominieren inzwischen auch die A- und B-Jugendmeisterschaften. Mit Spielern, die sie vorher Klubs mit exzellenter Nachwuchsarbeit im fortgeschrittenen Alter von 15 bis 17 Jahren abgeworben haben, darunter auch Erst- und Zweitligisten wie Hertha BSC, das vor einigen Jahren ein Hausverbot für Scouts der TSG Hoffenheim verhängte. Die Ankündigung von RB Leipzig, in seinen neu errichteten Trainingsanlagen die besten Talente aus einem Umkreis von 200 km ausbilden zu wollen, dürfte das Engagement der Übungsleiter in Dresden und Berlin nicht unbedingt steigern. Zumal ja im Nachwuchsbereich nur minimale Ausbildungsentschädigungen für den Verein anfallen, der unter Umständen ein Talent bereits zehn Jahre betreut und gefördert hat.

In der vergangenen Saison wurde das Spiel TSG Hoffenheim gegen Leverkusen durch eine Aktion entschieden, bei der der Ball eindeutig von hinten ins Tor gelangt war. Viele Fans forderten daraufhin eine Wiederholung der Partie. Der frühere Nationalspieler Christoph Metzelder wollte ein bisschen Ironie in die Sache bringen und schrieb auf seiner Facebook-Seite: »Das hätten sich die Gründerväter der Bundesliga auch nicht träumen lassen, dass Fußball-Deutschland mit Inbrunst und Leidenschaft noch mal Hoffenheim gegen Leverkusen sehen will!«
Metzelder hatte ins Schwarze getroffen. Die Attraktivität der Bundesliga sinkt, wenn statt zweier Klubs, deren Fans das vermeintlich letzte Hemd für ihren Verein geben und hunderte Kilometer durchs Land zu einem Auswärtsspiel fahren, zwei Klubs gegeneinander spielen, deren Erstligaexistenz allein vom Wohlwollen eines Mäzens oder eines Konzerns abhängt. Die Zahl der Anhänger ist überschaubar. So brachte laut meedia.de das Spiel Bayer Leverkusen gegen VfL Wolfsburg mehrfach nur weniger als 5000 Sky-Abonnenten, die sich für eine Live-Übertragung entschieden. Bei den anderen Synthetik-Klubs ist die Resonanz nicht besser. Und das wird sich früher oder später auch finanziell bemerkbar machen, wenn der Verkauf der Inlandsfernsehrechte für die DFL schwieriger wird. Kann gut sein, dass die TV-Lizenz  für die 1. und 2.Liga künftig an Wert verliert, denn verhandelt wird für alle im Paket, nicht einzeln.
Gelder und Sendezeit, die dann möglicherweise bei den Fernsehstationen frei werden, könnte anderswo ausgegeben werden. Es muss  nicht die 3. Liga oder die viertklassige Regionalliga sein.

Warum nicht eine ganz neue Liga gründen?

Da viele Klubs und ihre Fans eh nicht mehr an eine faire Chance glauben, ihre Klubs wieder im Bereich der DFL (1. und 2. Bundesliga) oder wenigstens der 3. Liga zu erleben, sollten Überlegungen ernsthaft forciert werden, die eine Liga  außerhalb von DFB und DFL betreffen. Sage keiner, dass so etwas nicht geht. Wie ist denn das internationale Schachspiel, wie das Profiboxen organisiert? Dort konkurrieren jeweils verschiedene Verbände um die Aufmerksamkeit der Interessierten, im Boxen vor allem um die der Fernsehzuschauer und tragen verschiedene Weltmeisterschaften aus.

Für wen wäre so eine neue Liga interessant? Für Rot-Weis Essen auf jeden Fall; Kassel, Saarbrücken und Lübeck ganz sicher. Auch den drei ostdeutschen Ex-Europapokalfinalisten  FC Carl Zeiss Jena, dem 1. FC Magdeburg und 1.FC Lok Leipzig ist klar, dass es für sie eine attraktive Lösung wäre. Genauso wie Dynamo Dresden, Rot-Weiß Erfurt und Hallescher FC. Dazu Alemannia Aachen, Kickers Offenbach, Waldhof Mannheim. Träumt man da wirklich noch von 1. oder 2. Bundesliga? Und gibt es nicht auch Ulm, Zwickau, …

Aber vielleicht muss man ja nicht gleich eine eigene Liga ausrufen. Man könnte im Sommer mal einen Pokal ausspielen und die Fernsehrechte daran testweise anbieten. Man müsste diesen Pokal auch nicht gleich FDGB-Pokal taufen, wie Dynamo Dresden im vorigen Jahr ein paar Freundschaftsspiele nannte, als der Klub für den DFB-Pokal gesperrt war. Und wäre ein solches Turnier fandominierter Vereine nicht auch interessant für Fangruppen wie die von Hannover 96, die aus Protest gegen die offizielle Vereinslinie derzeit nur Spiele der Nachwuchsteams ihres Klubs besuchen? Oder für die Mitglieder des Hamburger FC Falke, die sich von ihrem Klub, dem HSV, zumindest teilweise abwandten, und schon mal vorsorglich einen eigenen Verein gegründet haben und diesen zum Spielbetrieb der Kreisliga angemeldet haben.

Die kurze, unvollständige Aufzählung von bekannten Klubs mit zunehmend frustrierten Fans zeigt, wie ernst die Lage ist. Ich gehe nicht soweit wie Frank Willmann, der als fannaher Autor eine Kolumne bei tagesspiegel.de verfasst, der die Spaltung des organisierten deutschen Fußballs in konkurrierende Ligen und Verbände nicht nur für möglich, sondern für notwendig hält. Noch zeigen die Beispiele Paderborn und Darmstadt, dass die deutsche Fußballgesellschaft zumindest teilweise durchlässig ist. Noch ist die in Aussicht gestellte Einführung von „Financial Fair Play“-Regeln im deutschen Fußball nicht abgeblasen. Die Geschichte von Bayer Uerdingen zeigt, dass die Abhängigkeit von einem Sponsor und Quasi-Inhaber den Klub sehr schnell unter die überregionale Aufmerksamkeitsschwelle befördert, wenn die finanzielle Alimentierung endet*.

Noch ist Hoffnung. Doch schauen wir einen Augenblick über den Rand des Fußballs hinaus: Überall dort, wo der soziale Aufstieg unmöglich ist, wo sich große Menschengruppen benachteiligt und nicht ernst genommen fühlen, wo die Regeln als ungerecht empfunden werden oder von Einigen einfach nicht eingehalten werden, kommt es zu Wut, Protest und Rebellion. Innere Emigration und, wenn möglich, Separation sind dann noch die friedlichsten Folgen.

 

* Die Bayer AG unterstützte den Fußballklub Bayer 05 Uerdingen (Stadtteil von Krefeld, einer Stadt mit immerhin ca. 220.000 Einwohnern) zwischen den 50er Jahren und 1995 als Betriebssportgemeinschaft. Nach dem Ende der Unterstützung geriet der nun als Krefelder FC Uerdingen 05 firmierende Klub in Turbulenzen. Nach Lizenzentzug, Insolvenz und mehreren Abstiegen spielt der Klub heute in der viertklassigen Regionalliga West. Ab 2016 wird es auch kein Werk des Bayer-Konzerns in Krefeld-Uerdingen mehr geben. (Auf eine solche Entwicklung in Hoffenheim, Wolfsburg, Leverkusen, Fuschl am See zu warten, wäre leichtsinnig.)

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