»Wenn ich viel erzähle, kriege ich immer Hunger«

Spurensicherung.  Jana Simon, Enkelin von Christa und Gerhard Wolf, hat über einen längeren Zeitraum sehr persönliche Interviews mit ihren Großeltern geführt. Daraus ist ein Buch entstanden, was auch zeigt: Das Generationsgespräch funktioniert trotz aller guten Vorsätze nicht immer


Text: Manuela Thieme, Foto: Frank Rothe


Mit acht merkte Jana Simon, dass sie eine besondere Oma hat. Da war sie bei einer Freundin zu Hause, sie spielten in der ganzen Wohnung; als sie im Schlafzimmer Station machten, entdeckte sie ein Foto an der Wand und fragte erschrocken. »Wieso hängt hier ein Bild von meiner Großmutter?« Das war um 1980 herum. Jana Simon wusste damals zwar, dass ihre Oma Bücher schreibt, aber das Ausmaß der Verehrung begann sie erst nach dem Besuch bei ihrer Freundin leise zu ahnen.

Christa Wolf (1929-2011) war die berühmteste Autorin der DDR – und nach der Wiedervereinigung die umstrittenste. Zusammen mit ihrem Mann, dem Lyriker und Lektor Gerhard Wolf, hat sie sich seit 1998 mehrmals von Enkelin Jana Simon interviewen lassen. Daraus entstand nun ein Buch. Es ist oft anrührend, weil die beiden Wolfs ganz ungeschützt und offen reden, es ist erhellend, weil wichtige Zäsuren deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts da in unzähligen persönlichen Episoden collagiert werden, und es ist unterhaltsam, weil die schlichte Gesprächsform dafür sorgt, dass das Gesagte nicht so vieldeutig codiert wird, wie sonst bei den beiden Schriftstellern üblich.

 Jana Simon schlägt ihr Lieblingslokal »visite ma tente« vor, um über die Entstehung des Buchs zu reden. Eine kleine Bar in Berlin Prenzlauer Berg, die vermutlich in keinem Berlin-Führer erwähnt ist, mit einem schwarzen Franzosen als Kellner, flottem Soul und Jazz aus den Boxen und einer kleinen Bühne für Live-Musiker.  Simon wohnt seit Ewigkeiten um die Ecke, an der lauten Schönhauser Allee. Sie bestellt Gin Tonic. Aus dem Vorschlag, zu Ehren der Großeltern deren geliebte »Margarita« zu trinken, wird nichts. »Ich weiß gar nicht, ob sie den hier haben«, sagt sie.Immerhin hat er es ins Buch geschafft. Da erzählt die Enkelin, dass sie den beiden zur goldenen Hochzeit 2001eine Maschine schenkte, mit der man Eisschnee machen kann, den man für diesen Tequila-Cocktail braucht.

Jana Simon studierte Osteuropawissenschaften und Publizistik, war zunächst ein paar Jahre beim Berliner »Tagesspiegel« und gewann mit ihren Texten einige Preise. »Erst mal wusste niemand etwas von meiner Großmutter. Das war mir wichtig, ich wollte nie Karriere auf dem Promi-Ticket machen. Später kam es durch einen Zufall doch heraus. Aber da hatte ich mir schon selbst einen Namen gemacht.« Seit 2004 ist sie Reporterin bei der »Zeit«.
»Als ich 1998 mit den Interviews begonnen habe, war es ein rein privates Projekt«, sagt Jana Simon. »Damals waren meine Großeltern um die siebzig, und ich hatte viele Fragen an sie – zu unserer Herkunft, zu unserer Familie, zu ihrer Geschichte. Es war klar, dass diese Generation bald nicht mehr da sein wird.« Christa und Gerhard Wolf waren ein bisschen überrascht, aber auch neugierig darauf, was ihre älteste Enkelin so interessierte.
Jana Simon, damals 25, begann gerade als Reporterin zu arbeiten. Sie hatte kein Konzept für die Interviews, sagt sie heute. »Ich wusste nur, dass es Fragen sind, die man nicht einfach bei Familienfeiern stellen kann, weil da die Ruhe fehlt.«
Sie wollte wissen, wie die beiden aufwuchsen, wie sie erzogen wurden, was sie von den Verbrechen der Nazis mitbekommen hatten, wie es Gerhard Wolf als Luftwaffenhelfer mit 15 erging,
wann und wie Christa Wolf mit ihren Eltern aus dem heutigen Westpolen fliehen musste, wie sich die beiden kennenlernten, wann sie sich zum ersten Mal küssten. Ab wann und wieso sie an den Sozialismus glaubten, wie sie nach ihrem Germanistik-Studium in Jena zunehmend in die Kämpfe der DDR-Kulturpolitik gerieten, warum sie nach dem vielen Ärger über verbotene Bücher, Filme und vertriebene Autoren nicht in den Westen gingen. Wie das mit der Stasi war, was sie unter Freundschaft verstehen, wie sie den Bedeutungsverlust als kritische Intellektuelle nach 1990 erlebt haben.

Jana Simon sagt: »Die Großeltern fragen, was deren Leben ausmacht, das könnten viele Enkel. Da geht es nicht darum, ob sie
prominent sind oder nicht, ob sie aus dem Osten oder Westen kommen. Bei mir war es zunächst auch erst einmal Interesse an der Familiengeschichte.«
Das Buch hat eine Widmung: Für Nora. Simons Tochter, sie ist fünf. »Nach den ersten Interviews war eine lange Pause entstanden. Als ich schwanger war, interessierten mich dann auch andere Themen. Wie war das mit euren Kindern, hattet ihr immer genug Geld, wie habt ihr Arbeit und Familie miteinander vereinbart, wer hat euch geholfen, wie habt ihr das als Paar verkraftet, dass es in der Öffentlichkeit fast nur um Oma ging, wart ihr mal eifersüchtig aufeinander, solche Sachen.« Sie klären auch, was sie sich jeweils von ihrem ersten Preisgeld kauften. Christa Wolf: einen Teppich. Jana Simon: ein Sofa. Sie reden, sie kichern zusammen, bis Christa Wolf aufsteht und sagt: »Wenn ich viel erzähle, kriege ich immer Hunger.«

Als die Enkelin 16 war, schenkte ihr Christa Wolf zu Weihnachten alle Bücher, die sie bis dahin geschrieben hatte. Darunter die bekannten Werke »Der geteilte Himmel«, »Nachdenken über Christa T.«,  »Kindheitsmuster«, »Kassandra«, »Störfall«. Die Oma hinterlässt der Enkelin in jedem Exemplar eine  Widmung, erzählt kurz von den Konflikten, die sie beschäftigten, als die Bücher entstanden. – Jana Simon schiebt den Stapel ins Regal. »Eine Michael-Jackson- oder eine Madonna-Platte wären mir damals lieber gewesen.« Sie hatte auch gerade in pubertärem Trotz geschworen, generell nie wieder ein Buch zu lesen. Die Großeltern lächelten. Sie vertrauten darauf, dass der Tag kommt, an dem das Geschenk auch innerlich angenommen wird.

Christa Wolf sagt im Buch: »Wenn
man es überhaupt wagt, etwas in
die Welt hinauszulassen, muss
man schon einen Triller haben.


Die Enkelin will dem Bild, das in der Öffentlichkeit
von Christa Wolf existiert, noch ein anderes hinzufügen: »Meine Großeltern sind nicht nur durchgeistigte, entrückte Intellektuelle. Sie haben Anteil genommen am Leben anderer, haben viele Feste gefeiert, mein Großvater ist bis heute ein wunderbarer Koch.« Auch die Oma habe das Zeug zur großen Entertainerin gehabt. »Sie konnte eine Tischrunde den ganzen Abend unterhalten. Dieses Bild von der moralisch-strengen, humorlosen Christa Wolf, das es gibt, wird ihr nicht gerecht. Sie konnte sehr witzig sein und selbstironisch.«
Warum hat sie sich dann immer so ernst fotografieren lassen? »Vielleicht lag das auch an dem Bild, das die Fotografen von ihr hatten. Und sicher wollte sie ernst genommen werden. Es ist schwierig, von einem Podest herunterzukommen, auf das man einmal gestellt wurde«, sagt Jana Simon. »Naturrlich war sie ehrgeizig und hat die Aufmerksamkeit manchmal genossen, aber es hat sie oft auch sehr belastet, wie viele Erwartungen und Hoffnungen mit allem verknüpft wurden, was sie tat und sagte.«

Ihr Mann ist da anders. Viel weniger harmonieselig. Ihm war immer egal, ob er von Kollegen oder vom Publikum gemocht wird. Er lektorierte seine Frau immer als Erster und versuchte, sie vor den größten politischen Irrtümern zu bewahren. Seine ungerührte, sarkastische Art ist oft vergnüglich. Dieses Paar war ein Glüksfall füreinander wie für die Literatur, auch das macht dieses Buch klar.
Zwischendurch wird man allerdings stutzig
und wundert sich, warum diese Gespräche nicht von den beiden Töchtern der Wolfs geführt wurden. Jana Simon scheint auf die Frage gefasst zu sein: »Ich glaube, die Gespräche haben funktioniert, eben weil eine Generation zwischen uns liegt, ich als Enkelin bin weiter weg. Mit den eigenen Kindern zu reden ist in vielerlei Hinsicht schwerer.« Angesichts der vielen persönlichen Informationen, die das Buch preisgibt, fällt auf, dass die beiden Töchter dennoch etwas schemenhaft bleiben. »Ich wollte weder für meine Mutter noch für meine Tante sprechen. Das kann ich nicht, und es steht mir nicht zu.«
Annette Simon,
Janas Mutter, Jahrgang 1952, ist Psychoanalytikerin. Katrin Wolf, Jahrgang 1956, studierte Theaterregie und arbeitet bei »filia«, einer weltweit tätigen Frauenstiftung. »Meine Mutter ist Therapeutin, da mag sie sich schon aus beruflichen Gründen nicht besonders exponieren.«
Meinungsverschiedenheiten gibt es dennoch. Annette Simon schrieb Mitte der 90er Jahre das Buch »Versuch, mir und anderen die ostdeutsche Moral zu erklären«. Darin ging sie unter anderem kritisch mit dem ritualisierten Antifaschismus der DDR um. Kinder mit elf Jahren in KZ-Gedenkstätten zu schicken, mit möglichst viel Gräuel zu schockieren, nennt sie eine Art »sadistischen Akt«. Ihre Eltern hatten da einen  anderen Fokus, Christa und Gerhard Wolf fühlten die deutsche Schuld. Er war am Ende des Krieges Soldat geworden, sie eifrig in Hitlers Jungmädchentrupp dabei. Als sie später von den Verbrechen erfuhren, waren Nazi-Gegner fortan für sie Helden und ein Grund, als junge Leute in die SED einzutreten. Die andere Sicht von Annette Simon aber zeigt: Jede neue Generation wertet Geschichte um, hat einen eigenen Blick auf das Geschehen.

Jana Simon versucht, mit ihren Großeltern auch
das zu besprechen. Was unterscheidet uns? Welches Leben ist interessanter? Was ist fataler für die Existenz: ökonomischer Druck oder politische Gängelung? Muss man immer eine Meinung zu allem haben? Kann man das überhaupt?
Die Enkelin sagt im Gespräch: »Ihr hattet etwas, woran ihr glaubt, wofür ihr kämpft, euch begeistert und gelitten habt. Eine solche Idee gibt es heute nicht.« Es klingt halb bewundernd, halb erleichtert. Jana Simon konstatiert: »Wir sind misstrauischer und dadurch nicht so verführbar.« Die Großmutter wiederum findet: »Eure Generation erscheint mir, manchmal auch in ihrer Literatur, etwas bindungsschwach. Da gibt es eine gewisse Scheu, Verantwortung zu übernehmen.«
Ein Vorwurf der Groß
eltern steht bei den Interviews immer im Raum: Warum seid ihr so unpolitisch? Jana Simon sagt: »Wir sind nicht unpolitisch, nur nicht mehr parteipolitisch engagiert. Ich erlebe die heutige Welt als sehr komplex, es gibt nur noch selten eindeutige Antworten. Meine Jahrgänge haben sich nie so gebraucht gefühlt wie meine Großeltern damals. Wir hatten immer den Eindruck, eigentlich geht es auch ohne uns. Als wir mit dem Studium fertig waren, bestimmten die wortgewaltigen 68er die Diskussion.« Sie meint, dass ihre Arbeit als Journalistin eine Art von gesellschaftlicher Teilnahme ist.
»Manchmal kann ich etwas bewirken – auf vernachlässigte Themen aufmerksam machen oder zumindest zum Nachdenken anregen.« Sie erzählt auch von ihrer Cousine, die in der Vergangenheit in Brüssel für eine Nichtregierungsorganisation arbeitete. Gerhard Wolf kommentiert lakonisch: »Ich halte dieses Engagement für eine ehrenhafte Sache, aber völlig vergeblich.«
Das sieht die Enkelin natürlich anders, sie registriert aber das starke Selbst bewusstsein der Generation ihrer Großeltern. »Sie hatten das Gefühl, alles hängt von ihnen ab. Dafür haben sie gekämpft, gestritten und sind darüber – wie meine Oma – oft auch sehr krank geworden.«
Hat es sich gelohnt?
»Ich weiß es nicht.«  So lautet der letzte Satz in Christa Wolfs letztem Werk, »Stadt der Engel«. Darin beschreibt sie ihre Zeit in Los Angeles, wo sie zum Arbeiten hinfuhr, dann aber damit konfrontiert wird, dass es eine schmale IM-Akte über sie gibt. In der steht, sie sei nicht kooperativ gewesen und sie habe die Zusammenarbeit schnell beendet. Joachim Gauck, 1993 Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, sagt Frau Wolf, sie solle sich keine Sorgen machen, das sei so lächerlich gegen die Meter an Akten, die es aus der Dauerüberwachung ihrer Familie gibt. Er irrt. Die moralische Demontage geht weiter.
Begonnen hatte sie, als 1990 die Erzählung
»Was bleibt« erschienen war, entstanden 1979, Thema: die permanente Observierung durch den Geheimdienst. Warum sie erst jetzt damit rausrücke, höhnen westdeutsche Kritiker über die späte Veröffentlichung, das sei doch »Gratismut«, und betiteln sie fortan als »Staatsdichterin«. Die IM-Plänkelei passt in ihre Lesart.
In Los
Angeles ist Christa Wolf 1993 aber weit genug weg, die Enttäuschung auch vieler ihrer Fans trifft sie nicht mit voller Wucht. Die Sonne scheint, sie ist von liebenswürdigen Menschen umgeben, die Margarita schmeckt, sie singt plötzlich wieder alte Volkslieder. Christa Wolf durchforscht ihr Leben, versenkt sich in die Kunst des Erinnerns. Es dauert dann noch Jahre, bis »Stadt der Engel« geschrieben ist. 2010 erscheint der Roman und wird überschwänglich gelobt. Vieles klingt wie späte Versöhnungsversuche.

Ihr wurde nach 1989 sehr Unrecht getan, das macht das Buch deutlich.»Meine Großeltern haben sich in heiklen Situationen oft sehr anständig verhalten. Das wurde damals kaum mehr zur Kenntnis genommen.« In den Interviews geht es um viele Situationen, wo sie Haltung bewiesen: Gerhard Wolf kündigt nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956 seinen Job beim DDR-Rundfunk, er hat keine Lust auf neue Denkverbote. Ein paar Jahre später rät er seiner Frau dringend ab, als die SED sie für das Zentralkomitee
werben will. Sie denkt, sie kann etwas verändern, und macht es dennoch. Für das Amt stehen ihr 200 Mark und eine Pistole zu. Sie lehnt beides ab. »Sie sind die Erste«, sagt der Bote, der die Waffe bringen will, entsetzt. In einer ersten Funktionärsrunde gegen Werner Bräunings sozialkritischen Roman »Rummel platz« schafft sie es, die Gemüter zu besänftigen. Doch das Treiben gegen ihn und andere geht weiter.
1965, auf dem sogenannten Kultur
plenum, werden etliche Werke von Künstlern verboten, weil sie die Arbeiterklasse nicht optimistisch genug zeigen. Christa Wolf stellt sich mit zitternder Stimme hin und hält die einzige Gegenrede. Vergeblich. Danach scheidet sie freiwillig aus dem ZK aus, sie bekommt Depressionen, muss ins Krankenhaus, macht eine Therapie.
Das jähe Ende des »Prager Frühlings« 1968 sorgt für noch mehr Distanz. Die Wolfs haben jüdische Freunde in Prag, die verfolgt werden, sie können nicht fassen, was passiert. Ab 1969 wird das Schriftstellerpaar
einem oppositionellen Zirkel zugerechnet, die Telefonüberwachung beginnt. Bald wird auch jeder Schritt verfolgt, rund um die Uhr. 1976 unterschrieben beide die Petition gegen die Biermann-Ausbürgerung. Sie sollen widerrufen, sie weigern sich. Gerhard Wolf fliegt aus der SED, Christa Wolf nicht, obwohl sie darum bittet. Sie geht nicht mehr zu Parteiversammlungen.

Die Familie überlegt: bleiben oder gehen? Sie wollen da sein, wo ihr Publikum ist und die Themen sind, an denen sie sich reiben können. In den 80er Jahren gibt Gerhard Wolf Texte »Außer der Reihe« heraus, er druckt und fördert die jungen, kritischen Dichter vom Prenzlauer Berg. Christa Wolf bekommt den Nationalpreis. Sie geht nicht zur Verleihung, das Geld spenden die Wolfs oppositionellen Künstlern.
Bei den Polizeiü
bergriffen am 7. Oktober 1989 in Ostberlin werden die Tochter Annette Simon und ihr Mann Jan Faktor verhaftet. Christa Wolf macht im Bürgerkomitee mit, das die Vorfälle untersucht. Sie redet am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz und bringt die Leute zum Lachen: »Vorschlag für den Ersten Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei«.
Im November 1989, als die ersten Rufe nach Wiedervereinigung laut werden, fragen die Initiatoren, ob die beiden den »Aufruf für unser Land« unterzeichnen. Sie wollen nicht. Sie lassen sich dann doch überzeugen. Vielleicht war es genau das, was man ihnen übel genommen hat, mit der Restutopie eines 3. Weges zu sympathisieren.
Das ganze Theater um »Was bleibt« und die »Staatsdichterin« folgt jedenfalls. Manche Freundschaften halten, etwa die zu Volker Braun und Christoph Hein. Zu Günther de Bruyn bricht der Kontakt ab, auch zu Sarah Kirsch. Keiner der Prenzlauer-Berg-Dichter hat sich je für die Hilfe bedankt.

Auch wenn es viel um Zeitgeschichte geht, die
Interviews von Jana Simon liefern eine subjektive Sicht. Ande re Beteiligte mögen ihre Version der Ereignisse haben. »Vielleicht kann das Buch eine Diskussion darüber anregen, wie unterschiedlich Leben und Vergangenheit wahrgenommen werden kann«, sagt sie. Als Titel für das Buch wählte sie die Anfangszeile aus dem Lieblingsgedicht der Großmutter aus: Paul Flemings »Sei dennoch unverzagt «. Bei der Beerdigung von Christa Wolf 2011 wurde es von der Schauspielerin Corinna Harfouch vorgetragen: »Sei dennoch unverzagt. Gib dennoch unverloren. / Weich keinem Glücke nicht. Steh höher als der Neid. / Vergnüge dich an dir, und acht es für kein Leid, / Hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.«

Das Buch mit den Gesprächenist bei Ullstein erschienen. Suhrkamp, wo Christa Wolfs Bücher seit einigen Jahren verlegt werden, kannte das Projekt. Jana Simon vertraute aber ganz auf Siv Bublitz, die jetzt Ullstein-Chefin ist, mit ihr hat sie das erste Buch 2002 gemacht, damals noch bei Rowohlt Berlin. Es hieß »Denn wir sind anders«, eine Nachwendegeschichte. Darin geht es um den Selbstmord eines Freundes, eines dunkelhäutigen Ostdeutschen, der sich doppelt fremd im neuen Deutschland fühlte.
Wie die Großmutter interessieren Jana Simon die großen Dramen als Stoff. Ihre Porträts für die Zeitung handeln von Menschen – Bekannten und Nicht bekannten. Im Buch erzählt sie, dass eine ihrer familiären Hauptprägungen sei, »immer viel Rücksicht auf andere zu nehmen, sich einzufühlen«. »Zuletzt hat mich sehr das NSU-Thema beschäftigt.« Manchmal will sie aber auch wissen, wie Politik, wie Macht funktioniert. Vor dem Abend in der Bar hat sie an einem Porträt über Jörg Asmussen geschrieben, der Deutschland im Direktorium der Europäischen Zentralbank vertritt  Ein Mann Mitte vierzig, ein charismatischer Spezialist. (Anm.: Inzwischen ist Asmussen Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales). Sie reizt die Frage, was es für die Demokratie heißt, von gut ausgebildeten Technokraten regiert zu werden.
Ihre Großeltern haben ihre Arbeit immer aufmerksam verfolgt. »Sie konnten loben, sie konnten auch
austeilen, da gab es keine Schonung.« Kurz vor dem Tod von Christa Wolf erschien eine Reportage von Jana Simon über Los Angeles. Sie beschrieb ihre ambivalenten Gefühle. Begeistert war sie nach der Maueröffnung in den Westen aufgebrochen, hatte sich die Welt angeschaut, fühlte sich frei. Jetzt war sie entsetzt: eine Stadt, von der so viele träumen, in der Krise, in der sich Missmut und Armut breitmacht, Gemeinschaftssinn kaum noch anzutreffen ist. »Als es meiner Großmutter schon sehr schlecht ging, haben wir im Krankenhaus lange über diesen Text geredet, sie hatte sich sogar Stellen markiert, das hat sie sonst nie gemacht. Es war ihre Art, Abschied zu nehmen.«

Wie muss sie sein, eine bessere Welt? Und kann
es sie geben? Das hat den ganzen Wolf-Clan schon immer bewegt. Sieht sich Jana Simon als Wiedergängerin? Die Frage wedelt sie weg: »Nein, gar nicht. Ich schreibe ja nicht literarisch, ich bin Journalistin. Außerdem, bei uns schreiben doch fast alle.« Dennoch ist sie es nun, die durch das Buch zu einer Art Familiensprecherin wird.
Hat sie ein Bild der Großeltern an der Wand? »Ein Bild meiner Großmutter steht seit ihrem Tod in unserer Küche.« Und hat sie die Bücher, die sie einst bekam, inzwischen gelesen? »Die meisten kenne ich. Ich mochte ›Nachdenken über Christa T.‹, auch ›Kassandra‹ ist sehr gut.« In vielen Werken ihrer Großmutter geht es um starke Frauen. Das passt. »Wir sind eine Familie von starken Frauen«, sagt Jana Simon.Sie haben immer Männer gefunden, die sie dafür lieben. Auch davon erzählt dieses Buch.

Jana Simon: »Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf«, Ullstein, 19,99 Euro, http://www.ullsteinbuchverlage.de

Der Text erschien in der Oktoberausgabe 2013 von DAS MAGAZIN.

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