Warum die SPD der 1. FC Kaiserslautern der Politik ist

Sie eint ein historischer Abstieg und sie haben beide Schwierigkeiten, die neuen Realitäten anzuerkennen. Dabei müsste das nicht mal unbedingt  von Nachteil für sie sein

Text: Chris Deutschländer

Um es vorwegzunehmen: Ich habe nichts gegen den 1.FC Kaiserslautern, die Stadt, das Stadion, seine Fans. Was ich nicht mag, ist diese Formulierung: Der 1. FC Kaiserslautern gehört in die erste Bundesliga. Man hört sie immer wieder, sie scheint den Verein mental durchaus noch zu prägen. Aus Meriten der Vergangenheit werden Ansprüche abgeleitet, als ob sich das Land seit dem Fall der Mauer nicht verändert hat. Es ist größer und vielfältiger geworden, der soziale, demografische, wirtschaftliche Wandel enorm.

Und genauso verhält sich die SPD. Sie glaubt immer noch, dass sie eine Volkspartei ist. Was nicht stimmt: Bei den letzten Bundestagswahlen bekam sie insgesamt 25,7 Prozent, in den neuen Ländern waren es 17,9; bei den letzten Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen bekanntlich noch deutlich weniger. Sigmar Gabriel erklärt dennoch immer mal wieder, dass die SPD ab 2017 den Kanzler stellen will, der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Thomas Oppermann verkündete es ebenfalls in einem Interview. Man brauche dafür freilich ein Wahlergebnis von über 30 Prozent. Warum eigentlich? Winfried Kretschmann wurde in Baden-Württemberg Ministerpräsident, die Grünen hatten 24,2 Prozent erreicht.

Die falschen Erwartungshaltungen sind das Problem. Und nach vielen Jahren des Abwärtstrends darf man ja wohl mal darauf hoffen, dass ein paar Strategen – ob in der SPD oder bei Fußballklubs* wie in Kaiserslautern – die veränderten Realitäten nun endlich akzeptieren.

 Die jüngere Geschichte zeigt jedenfalls erstaunliche Parallelen zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und der SPD. Beide geraten Mitte 90er Jahre erstmalig für kurze Zeit ins Schlingern. Der Verein steigt 1996 ab, die Sozialdemokraten kommen mit der Scharping-Schröder-Lafontaine-Troika 1994 auf 36,4 Prozent und verfehlen den Sieg gegen die CDU mit Abstand. Beide rappeln sich aber noch mal hoch und haben 1998 ihren bis heute letzten großen Triumph: Der 1.FC Kaiserslautern wird als Aufsteiger Deutscher Meister und die Partei der sozialen Aufsteiger kann noch mal einen der ihren ins Kanzleramt bringen: Gerhard Schröder. Die Partei erreicht 40,9 Prozent der Stimmen, das sind über 20 Mio. Zweitstimmen. 2002 wiederholen Schröder und die SPD den Erfolg mit 38,5 Prozent und 18,5 Mio.. Den Titel verteidigen kann der Klub zwar nicht, bleibt aber von 1998 bis 2002 im oberen Teil der Bundesliga.

Doch die Welt ändert sich rasant, Arbeit wird neu und anders organisiert, soziale Bindungen geraten unter Druck, Milieus und Stimmungen wandeln sich erkennbar. 2005 wird Schröder abgewählt. Der Klub steigt 2006 ab. Der Tiefpunkt folgt: Der 1. FC Kaiserslautern muss 2008 bis zum letzten Spieltag gar den Abstieg in die 3. Liga befürchten. 2009 erreicht die SPD weniger als die Hälfte der Zweitstimmen von 1998 (nur noch knapp 10 Mio. – durch die geringere Wahlbeteiligung waren das immerhin noch 23 Prozent Stimmanteil).

Trainer und Parteivorsitzende wechseln häufig in diesen Jahren, sie scheitern immer wieder am falschen Selbstbild, das die inzwischen auch deutlich älter gewordenen Mitglieder aus der Vergangenheit mitbringen und weiterhin zum Maßstab machen wollen. Was einst richtig war und funktionierte, wirkt heute nur noch weltfremd.

Objektiv sind die Chancen für Kaiserlautern in die erste Bundesliga zurückzukehren deutlich gesunken. Zum einen ist das Umfeld in der Pfalz schwieriger geworden: So hat Kaiserslautern von den 103 kreisfreien Städten in Deutschland die zweithöchste Pro-Kopf-Verschuldung, die Einwohnerzahl liegt mit zirka 97.000 inzwischen unter der Marke für Großstädte von 100.000, die 1999 letztmalig erreicht wurde (Quelle jeweils Wikipedia).
Und zum anderen hat sich der Fußball verändert. Nach dem Hoffenheim-Aufstieg 2008 drängt derzeit ein weiterer fast komplett fremdfinanzierter Klub in die 1. Liga, was heißt, dass ein weiterer potenzieller Platz schlicht verloren gehen wird (siehe meinen Text vom 18.9. Link) Denkwürdig bleibt in diesem Zusammenhang das großartige Verhalten der Kaiserslauterer Fans nach dem verlorenen Relegationsduell gegen Hoffenheim im Mai 2013, als diese ihre Mannschaft noch lange nach dem verlorenen Spiel feierten.

Vielleicht begannen nach diesem ungleichen Duell aber auch viele Fans umzudenken und sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass der Aufstieg in die erste Bundesliga – wenn er überhaupt noch mal gelingt – eher einen befristeten, aber schönen Ausflug darstellen würde. So hat man das jedenfalls in Braunschweig während der vergangenen Spielzeit gesehen. Ein Klub eben, für den die zweite Bundesliga der Alltag bleiben wird.

 Was heißt das nun für die SPD?

 Zunächst einmal müsste die Partei akzeptieren, dass eine sich immer weiter differenzierende Gesellschaft auch immer unterschiedlichere Repräsentanten in den Parlamenten versammeln wird. Sie müsste sich klar machen, dass es keinen Sinn mehr ergibt, alle Interessen- und Bevölkerungsgruppen (Arbeiter, Angestellte, Frauen, Einwanderer, Eltern, Künstler, Senioren, Homosexuelle …) in einer kleiner werdenden Partei integrieren und mit Ämtern und Einfluss bei Laune halten zu wollen. Das heißt für die SPD, sich nicht mit Wachstumsfantasien abzukämpfen und ein Bundestagswahlergebnis um die 25 Prozent als solide Basis anzuerkennen. Denn damit ist im gegenwärtigen deutschen Viel-Parteiensystem eine ganze Menge zu machen.

Es ist doch eigentlich für die SPD eine gute Nachricht, dass ein auf den ersten Blick desaströses Wahlergebnis wie das von 12,5 Prozent in Thüringen zur Folge hat, dass eine Regierungsbildung nicht ohne die Sozialdemokraten möglich ist. Ein selbstbewusstes »Wir regieren sowieso mit« wäre also angebrachter als das ewig zerknirschte »Wir wollen nicht im Turm einer 20-Prozent-Partei gefangen bleiben«. Schließlich hat die SPD wie keine andere Erfahrung im Regieren mit verschiedensten Partnern. Es gab bis 2006 eine Situation, in der sie in verschiedenen Landesregierungen gleichzeitig mit Grünen, FDP, PDS und CDU zusammenarbeitete. Regierungserfahrung haben die Genossen genug und in Krisen geraten auch mal die anderen, weil die Welt sich weiterdreht.

Wenn man dann, wie in Hamburg 2011 nach dem schwarz-grünen Intermezzo, das beste personelle Angebot besitzt, dann klappt es auch mal wieder mit dem ersten Platz. Ein Pokalsieg, der die Träume von einem sozialdemokratischen Kanzler 2013 anfeuerte. Vergeblich, wie wir wissen. So wie der 1. FC Kaiserslautern nach einem kurzen Ausflug in die erste Liga 2010-2012 nun wieder in der 2. Liga spielt.

Bleibt als Trost: In der »ewigen Tabelle« der Bundesliga liegt der 1. FC Kaiserslautern auf Platz 9 mit 2094 Punkten. Und die SPD auf Platz zwei. Ihre drei Kanzler haben die Bundesrepublik 20 Jahre regiert. Die der CDU brachten es bisher auf 45 Jahre.


* Man hätte sicher statt des 1. FC Kaiserslautern einen anderen Klub nehmen können (Nürnberg, HSV …), aber die Parallelen zur SPD sind bei Kaiserslautern am deutlichsten. Und der kurzzeitige SPD-Vorsitzende Kurt Beck ist einer der prominentesten Fans des pfälzischen Vereins. Dessen allerberühmtestes Mitglied Fritz Walter, Kapitän der deutschen Weltmeisterschaftsmannschaft 1954, zählte der Historiker Joachim Fest übrigens »zu den Gründungsvätern der Bundesrepublik«.

 

Foto /Abbildung: SPD Kaiserlautern

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