Die Durcheinanderbringer

An Bahnstreiks mussten sich die Deutschen in den letzten zwei Jahrzehnten gewöhnen.  Was wenige wissen, die umstrittene Lokführer-Gewerkschaft GDL entstand im Wendejahr 1989/90 als erste unabhängige ostdeutsche Arbeiterorganisation

Text: Chris Deutschländer

Beim Gedanke „Bahnstreik“ erstarrt das ganze Land. Wer ist der  Mann, der dieser Tage dauernd vor Kameras steht und erklärt, warum die GDL mal wieder mit einer Blockade ihre Positionen klar machen muss? Auf Spiegel Online heißt es  gleich mal „Deutschlands dümmste Gewerkschaft“, vom „Dschihad auf Schienen“ ist auf Stern Online die Rede, auf Twitter wird Claus Weselsky von Journalisten als „Vollzeitidiot“ beschimpft, der aufgrund seiner Sozialisation schlicht keine Ahnung hat“.

Aha. Die Ostherkunft ist Schuld. Genau genommen hat sie mit der interessanten, leider wenig bekannten Geschichte der Gründung unabhängiger Gewerkschaften in der Spät-DDR zu tun.  Eine größere Öffentlichkeit bekamen sie damals nur ein einziges Mal. Bei der Millionen-Kundgebung auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989. Der Großschriftsteller Heiner Müller gab kein eigenes Statement ab, sondern  verlas einen Zettel mit dem Aufruf zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften – was ihm im übrigen viele Buhrufe einbrachte.

Die erste freie Gewerkschaft in der DDR, die es dann tatsächlich gab, war die Gewerkschaft der Lokführer. Sie gründete sich am 24. Januar 1990 im Bahnbetriebswerk Halle. Nach der Währungsunion am 1. Juli 1990 erreichte die GDL-Ost schnell eine Menge Verbesserungen (40-Stunden-Woche, höhere Löhne usw.) – auch durch Streiks. Der Organisationsgrad lag bei 90 Prozent, was in der Nachwendezeit vollkommen ungewöhnlich war.

Da westdeutsche Lokführer bis zur Bahnprivatisierung (Januar 1994) zumeist verbeamtet waren und daher nicht streiken durften, hatten bei der GDL die ostdeutschen Mitglieder ihren westdeutschen Kollegen die Streikerfahrung voraus. Daher ist die GDL aus historischen Gründen eine stark ostdeutsch dominierte Gewerkschaft (ähnlich wie die GEW, auch hier deshalb, weil die Lehrer im Westen meist Beamte sind).

bahngewerkschafter weselskyUnd seit 2008 steht nun ein Ostdeutscher an der Spitze,  sein sächsischer Dialekt ist längst eines seiner Markenzeichen: Claus Weselsky, Lokführer von 1977 bis 1992, heute 55 Jahre, der seine Gewerkschaftslaufbahn 1990 als Vorsitzender der Ortsgruppe Pirna begann.
Sein Vorgänger Manfred Schell verglich ihn nach einem internen Machtkampf 2013 mit Mao und Assad. (Quelle: „Die Welt“) Er konnte schwer verwinden, dass Weselsky Schells Getreue auf den Stellvertreterposten nicht mehr unterstützte und sie abwählen ließ.

Der Mann scheint Freude an der Konfrontation zu haben, zumindest hält er sie gut aus. Mitunter liegt er aber auch völlig daneben. So, als er kürzlich versuchte, sich über die Fusion der anderen Bahngewerkschaften lustig zu machen – neben der GDL gibt es jetzt noch die EVG, früher Transnet und GDBA („Wenn sich zwei Kranke miteinander ins Bett legen und ein Kind zeugen, da kommt von Beginn an was Behindertes raus.“). Er hat sich entschuldigt, ein Shitstorm blieb ihm dennoch nicht erspart.

Weselsky ist, was selten mit erwähnt wird, übrigens CDU-Mitglied. Er ist als Gewerkschaftsführer nicht etwa bei der SPD oder als Ostdeutscher gar bei der Linkspartei, sondern Christdemokrat. „Konservative Werte“ seien ihm wichtig, erklärte er 2007 in einem Interview. Er nannte konkret „Gewaltfreiheit, Achtung der Menschenwürde, Recht auf Arbeit“. Für seine Partei ist letzteres durchaus ein besonderer Akzent  (Quelle „Die Welt“).

Da derzeit wieder viel vom Zusammenbruch der DDR 1989 zu sehen, zu hören und zu lesen ist: Das Chaospotenzial des Ostens  ist offenbar noch nicht aufgebraucht. So wie damals der gesellschaftliche Status Quo ignoriert wurde, trifft es nun immer mal wieder auch jahrzehntelang eingespielte Regeln der Bundesrepublik. Weselsky jedenfalls scheint davor nicht unnötig viel Respekt zu haben.

 

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