Die Wiedervereinigung, neue Kleinstaaten, der Fußball und Buschkowsky

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Die Deutschen waren 1990 die letzten in der Welt, die zwei Länder vereinigt haben. Seither bekommt die UNO dauernd Zuwachs von neuen Ministaaten. Separatismus ist angesagt. Nicht nur Schottland, Katalonien und Neuköllns Bürgermeister Buschkowsky haben gute Gründe dafür

Text: Chris Deutschländer, Foto: nito

Wenn am 9. November mal wieder groß der Fall der Berliner Mauer gefeiert wird und die später erfolgte Wiedervereinigung gleich mit, dann gibt es allen Grund dazu. Es war der vorerst letzte Zusammenschluss zweier vorher unabhängiger Staaten (zuvor hatten sich Vietnam und Jemen wieder zusammengetan).
Getrennt hingegen wurde sich nach 1990 mit Hingabe. Die UNO zählte damals 159 Staaten, inzwischen gehören ihr 193 an. Nicht nur einst sozialistische Länder spalteten sich, auch in Westeuropa gibt es solche Bestrebungen: Die Schotten hatten ihr Referendum im September, die Katalonier folgen jetzt. Am 9. November stimmen sie bei einer Volksbefragung ab, ob ihre Region weiter zu Spanien gehören soll. Der 9.11. ist der Kehrwert des katalanischen Nationalfeiertags (11.9.).

Fragt sich, warum einzelne Regionen neue Nationalstaaten anstreben, wo doch die EU eher auf deren Überwindung zielt?

Dass die in der Folge des ersten Weltkriegs entstanden Vielvölkerstaaten (Sowjetunion, Tschechoslowakei, Jugoslawien) und die willkürlichen Zerfallsprodukte des Osmanischen Reiches (Syrien, Irak) wieder verschwinden werden, war jedem Hobbyhistoriker klar. (Die dabei ausgelöste Gewalt vielleicht nicht.) Aber warum gibt es solche Tendenzen auch in der EU? Warum wollen Schotten, Katalanen, Flamen, Basken, Norditaliener nicht mehr mit Engländern, Wallonen, Spaniern, Süditalienern in einem Staat zusammenleben?

Warum Kleinstaaten plötzlich so reizvoll sind

Wie man am Beispiel Schottland sieht (und früher bei der Slowakei), geht es den nach Unabhängigkeit strebenden Staaten nicht in erster Linie um die Sicherung ökonomischer Vorteile gegenüber dem Restland, was man Katalanen, Flamen und Norditalienern (Padaniern) vorwerfen könnte. Es geht allen um mehr. Um Respekt für die eigene Geschichte, Kultur, Sprache. Aber wohl auch schlicht um Publicity, Aufmerksamkeit.
Und zu diesen Wünschen und Zielen hat die EU sicher selbst einen wesentlichen Beitrag geleistet. Indem sie immer mehr Klein- und Ministaaten aufnahm und diese wie die großen, bisherigen Mitglieder behandelt. Beispielsweise mit starken Stimmrechten und Ansprüchen auf EU-Kommissionsposten.
Da fragt man sich natürlich im Baskenland, in Katalonien, Schottland und anderswo, warum nicht auch einer der ihren EU-Kommissar sein darf. Esten, Slowenen und Slowaken haben es vorgemacht, wie man aus einem großen Staat austritt und dann überall in der Welt gleichberechtigt mit den früheren Partnern oder sogar besser behandelt wird. Malta und Zypern waren zwar schon länger unabhängig, aber dass sie als Ministaaten ein Kommissionsmitglied stellen, bringt nun auch den Berliner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky auf den Gedanken, sich mit Neukölln unabhängig zu machen und EU-Kommissar zu werden. Erstens heißt sein Buch schon »Neukölln ist überall« (würde dann auch stimmen :-)) und zweitens (ernstzunehmender) könnte er in einem unabhängigen Staat Neukölln auch über seinen bevorstehenden 65. Geburtstag hinaus Staatschef bleiben. Bezirksbürgermeister im Pensionsalter sind hingegen unzulässig.

Fußball feuert die Diskussion an

Doch geht es neuen Kleinstaaten nicht nur um Posten in der EU, Botschaften und andere staatliche Anerkennung. Es gibt auch noch einen anderen Bereich, bei dem es darauf ankommt, welche Grenzen eine Nation hat: den internationalen Sport. Da ist es sehr wohl ein Unterschied, ob man eine Region eines großen Staates ist oder ein Land mit eigener Fahne und Hymne. Besonders relevant ist hier sicher der Fußball und die Frage, ob sich ein Land um die WM- oder EM-Teilnahme bemühen darf. Auch dort gibt es eine Menge Unsinn. Montenegro und Mazedonien sind dabei. Katalonien und das Baskenland nicht. Ein WM-Finale Spanien gegen Katalonien wäre jedoch um vieles realistischer als Estland gegen Lettland. Auch hier überwiegen die Vorteile eines kleinen Landes (starke Identifikation und Motivation für sein Land zu spielen) deutlich die Vorteile großer Staaten (mehr Auswahl, eventuell mehr Geld). Schon immer dabei sind neben England weitere britische Mannschaften. Hätten die Schotten bei der Volksabstimmung erst ihr eigenes Fußballnationalteam gewinnen können, mit Sicherheit wäre die Unabhängigkeitsabstimmung anders ausgegangen.

Wahrscheinlich hätte die UEFA bzw. FIFA Ostdeutschland nach 1990 auch eine eigene Liga (wie Schottland und Nordirland) und eine eigene Nationalmannschaft (wie die beiden erstgenannten und Wales) erlaubt, wenn es die ostdeutschen Fußballfunktionäre gefordert hätten. Wollten sie aber nicht. Dafür darf Gibraltar jetzt mitmachen. Obwohl es Teil von Großbritannien ist und sein Heimspiel gegen Deutschland im Ausland austragen wird (in Portugal, mit Spanien ist Gibraltar nach wie vor verfeindet).

Von Heinz Buschkowsky ist übrigens zu hören, dass er den in seinem Bezirk beheimateten Klub »Tasmania Berlin« in letzter Zeit verstärkt unterstützt und auf die Förderung von in Neukölln geborenen Spielern wert legt. Er soll auch wegen des WM-Qualifikationsspiels gegen England 2017 schon in der Alten Försterei nachgefragt haben. (Das war jetzt natürlich ein Witz.)
Das Olympiastadion kommt für ihn immer noch nicht in Frage, da er Hertha nach wie vor vorhält, dass dieser Klub 1963 ungerechtfertigterweise in die Bundesliga aufgenommen wurde, obwohl ein Startplatz für Tasmania den Regularien des DFBs entsprochen hätte. – Außerdem spielte Tasmania seine legendäre Saison 1965/66 im Olympiastadion.

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