Mein erstes Mal: Ich kaufe eine Zeitschrift

 Am  17.11. 2014 erschien auf Spiegel Online in der Rubrik MEIN ERSTES MAL: »Selbstversuch eines Teenager.  Moritz, 16, kauft seine erste Zeitschrift«. Bei uns im Blog gibt es die längere Originalfassung

Text:  Moritz Deutschländer

Berlin-Amsterdam mit dem Zug, sechseinhalb Stunden Fahrt. Da ich weder einen Laptop (zu schwer), noch ein Handy (gerade runtergefallen) dabei hatte, ging ich vorher noch in einen der Zeitungsläden. Ich war noch nie ein eifriger Leser, Internet, manchmal auch Fernsehen, reichen mir völlig. Zunächst war ich verblüfft über die riesige Auswahl im Bahnhofskiosk. Hunderte Zeitschriften. Von den allermeisten Titeln hatte ich noch nie gehört. Ich ging zum Politik-Regal. Speziell das Thema, wie jemand an die Macht kommt und wie er sie nutzt, wird in meinem Freundeskreis immer wieder heiß diskutiert. Stichwort »Bilderberger und heimliche Weltherrschaft«.

Mir fiel sofort ein Heft auf. Nicht, weil es besonders gut aussah, sondern weil es schlappe 10 € kosten sollte. »GEO Epoche«, Schwerpunktthema: »Der Kapitalismus«. Das Cover komplett schwarz, mittendrin sitzt Dagobert Duck auf einem Berg Goldtaler. Und einer der angekündigten Texte auf dem Titel hieß »Rockefeller & Co.« – Rockefeller und »Bilderberger« gehören zusammen. Die Sache war klar. Das Geld für die Zeitschrift hatte ich. Von meiner Mutter. Sie hatte gesagt: »Kauf dir was zu lesen für die Fahrt, am besten ein Buch, denn denk daran, du sitzt über sechs Stunden im Zug.«

Zug_ZeitschriftDie Zeitschrift schien mir dick wie ein Taschenbuch, nur halt in A4. Und zumindest für ein Buch sind zehn Euro okay, fand ich. Meine Mutter würde sich freuen. Sie hat nie verstanden, wieso mich Gedrucktes nicht interessiert. Höchstens mal der »Kicker« meines Vaters. Immer wieder brachte sie bunte Hefte mit. »Petterson und Findus«, »Geolino«, »Dein Spiegel«, »Yuno«, »Neon«, selbst mit der »Bravo« hat sie es versucht. Ich habe darin rumgeblättert, auch mal was gelesen, aber nicht gesagt, das will ich unbedingt wieder  haben. Ich glaube, es lag daran, dass meine Eltern dauernd irgendwas lesen, für mich ist das ein Erwachsenending. In meinem Freundeskreis hat jedenfalls nie einer gesagt: Krasse Zeitschrift entdeckt, willste mal haben?

Nun hatte mich also »Der Kapitalismus« in Papierform überzeugt. Ich beschäftige mich schon eine Weile mit diesem Thema. Als Schüler spürt man nicht nur den Leistungsdruck, mich nervt auch der Konsum-, Werbe-, Mode-, Schönheits-, Datenstress. Der Schlachtruf »Alles ist möglich, mach das Beste draus für dich« macht erst einmal nur eins: immerzu ein schlechtes Gewissen. Dauernd sagt man sich, man müsste mehr lernen, gesünder essen oder sich mehr um die Großeltern kümmern, vielleicht mal soziale Projekte  unterstützen. Natürliche hab ich mich an dieses System angepasst, allerdings nicht mit viel Optimismus. Ich schaue viele Dokus auf YouTube, Geldsysteme, Chemtrails, exterristisches Leben, Pharmaskandale, alternative Heilmethoden, Weltmächte. Vieles wird gern als Verschwörungstheorie abgetan, aber ich denke, das ist nur ein Kampfbegriff, um sich unbequeme Debatten zu ersparen.

Im »Kapitalismus«-Heft geht die Reise durch die Zeit geht um 1300 los. Ich hatte den Untertitel der Zeitschrift im Kiosk wohl nicht ernst genug genommen, »Wie ein Wirtschaftssystem die Welt eroberte«.  Als der Zug das hält, sind wir in Stendal und ich mit meiner Lektüre noch bei den Anfängen des Kapitalismus, in Florenz. Die Peruzzi besaßen damals das größte Geldhaus und liehen am Ende auch dem König Geld.

Ich frage meine Eltern später, ob sie die Peruzzi kennen. Schulterzucken. Ich liege vorn. Mein Vater gibt sich nicht so schnell geschlagen und erklärt, dass er natürlich wusste, dass die ersten Banken in Italien entstanden. Deshalb gäbe es ja auch die Begriffe Konto, Skonto, Giro, Agio und so weiter. So eine einfache Verknüpfung! Warum ist die den Geo-Journalisten nicht eingefallen? 

Ich habe den Rest der Entstehungsgeschichte in Italien nicht zu Ende gelesen. Bei aller Liebe, immer nur Museumsbilder und ein extrem detailreicher Endlostext, das werde ich mir eh nicht merken können. Im Hinterkopf habe ich immer: Das kann ich alles im Internet finden, wenn ich es noch mal brauche.

Ich blättere weiter. Ein Text über Karl Marx. Dass er der erste große Kritiker des Kapitalismus war,  weiß ich und erfahre nun, dass er die Unternehmer andererseits doch sehr dafür bewunderte, dass sie immer wieder neue Ideen haben und Risiken eingehen, um ihre Firmen und Produkte besser zu machen.

Ich hatte auch schon mal eine Geschäftsidee, wollte ein polnischen Kultgetränk in Berlin einführen, dass ich in Krakau kennengelernt hatte. Es heißt Roko und sagt wahrscheinlich den wenigsten etwas. Auch meine Mitschüler mochten die Limo sehr. Bunt, fruchtig, in einer stylischen Flasche. Warum nicht als Trendgetränk für deutsche Teenies vermarkten? Ich probierte es dann doch nicht, ich war neunte Klasse, aber es hat trotzdem Spaß gemacht, darüber zu reden, Planspiele zu machen, das alles mal durchzurechnen.
 Ich schwanke dauernd hin und her, wenn ich über meine Zukunft nachdenke. Einerseits weiß ich, dass ich ohne Geld von vielen Dingen ausgeschlossen bleibe. Andererseits will ich nicht einfach nur funktionieren und mitmachen. Dieses System ist nicht gerecht. Banken verspekulieren sich, lösen eine internationale Finanzkrise aus und können weitermachen wie vorher. Konzerne plündern ungestraft die Umwelt. Die Ereignisse vom 11. September 2001 sind mysteriös. Was war mit dem WTC 7? Warum findet man zu all dem meist nur Pro & Contra im Internet und nicht in den klassischen Medien, Fernsehen, Radio, Print? Gibt es neben der offenen Herrschaft des Geldes auch eine geheime der Meinungen?

In Geo Epoche »Der Kapitalismus« finde ich dazu nichts. Es ist nur eine Art Geschichtsbuch, gut geschrieben und komplett werbefrei, das ist angenehm. Aber es gibt wenig aktuelle Bezüge. Schade.

Mein Zug fährt gerade in Osnabrück ein. Mehr als die Hälfte ist geschafft. Sowohl der Zeitschrift als auch der Strecke nach Amsterdam. Jetzt bin ich bei »Rockefeller & Co.« angelangt, es geht um die wahrscheinlich einflussreichsten Kapitalisten aller Zeiten.

Ich merke schnell, der Artikel ist anders, als ich dachte. Er berichtet extrem exakt, wie John D. Rockefeller den ersten Großkonzern der USA organisiert, die Standard Oil (heute ExxonMobil). Wie  ihn, der als Händler für Alltagswaren startet und als Ordnungsfanatiker gilt, das Durcheinander der vielen kleinen Ölproduzenten und die Unwägbarkeiten des Marktes nerven und er sich daran macht, dem ganzen einen gemeinsamen Rahmen zu geben. Und dass ihm andere Monopolgründer folgen im Bereich Stahl, Elektrizität, Eisenbahn.

Von den »Bilderbergern« kein Wort. Es ist unbestritten, dass David Rockefeller, der Enkel des alten Rockefellers, diesen informellen Machtzirkel mitgeprägt hat, in dem sich internationale Unternehmer und Politiker bis heute regelmäßig treffen und angeblich viel beschließen. Die Gründung der Europäischen Union, der Irakkrieg, die Einführung des Euros sollen längst nicht alles sein. Auf 14 langen Seiten, die Rockefeller gewidmet werden, gibt es nicht mal einen Nebensatz dazu. Das enttäuscht mich nun wirklich.

Ein großer Zeitschriftenleser werde ich wohl nie mehr. Ein großer Kapitalist wahrscheinlich auch nicht. Ich schenke meine erste Zeitschrift meinen Eltern. Gratis.

Die Kommentare zum (gekürzten) Text auf SPON finden Sie hier.

 

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