100 Jahre Volksbühne als Revue

Die Berliner Volksbühne feiert ihr 100jähriges Bestehen mit einer Theater-Revue. Wie funktioniert die Idee, die Geschichte in ein kurzweiliges Stückwerk zu verwandeln? Wir haben uns Premierenkarten gekauft (34 Euro) und sind nun klüger

Text: Manuela Thieme

Zum Jubiläum 100 Jahre Berliner Volksbühne gibt’s eine Show mit der schönen Titel-Tändelei: »Ach Volk, du obermieses«. Peter Hacks darf also den Ton vorgeben, sein launiger Vierzeiler geht so: »Ach Volk, du obermieses, / Auf dich ist kein Verlass. / Heute willst du dieses, / Morgen willst du das.«

Statt schwerem Bühnenvorhang sorgen Glitter-Gardine, blinkende Folienketten und Live-Kapelle für’s Ambiente. Die Konzeption stammt von André Meier, durch den Abend führt Jürgen Kuttner, weißes Jacket, schwarze Hose, champagnerfarbenes Hemd, Kragen in Schulterbreite.
Er kündigt »eine Revue vor der Erfindung der Showtreppe an« und wälzt beharrlich die Frage, wie Volk und Bühne, Kunst und Massen denn nun zueinander finden, wenn überhaupt. Schlau mäandert er durch’s historische Geschehen, natürlich nicht chronologisch, nicht vollständig, eine Revue ist keine Dokumentation. Piscator, Besson, Castorf müssen reichen für den Erinnerungsolymp.

Der Revue-Beginn  mit dem »Chor der Werktätigen« ist großartig. Auch zwischendurch gibt’s immer mal wieder sehr schöne Momente und Ideen, Heiner Müllers Theater-Miniatur »Herzstück« wird live mit dem gesamten Publikum expressinszeniert. Henry Hübchens Anwesenheits-Illussionsspiel funktioniert auch bestens. Eine gute Lösung dafür, dass er keine Lust hat, mehrere Abende für eine kleine Rolle ins Theater zu kommen.
Dennoch: In die glanzvolle Volksbühnen-Ära der 90er und Anfang 2000er Jahre gibt es zu wenig Rückkopplungen während der Show – dafür wird öfter vernehmlich »Krise« gerufen angesichts der sinkenden Zuschauerzahlen. Den ironischen Schlachtruf darf man dann auch als Plakat für drei Euro mitnehmen.

Insgesamt  fehlen dem Abend ganz sicher nicht kulturkontroverse Pointierungen, wohl aber Tempo und Rhythmus. Einiges scheint überhäuft mit DDR-Anspielungen, öfter zudem auf Kabarettniveau. Die Westberliner Nachkriegsgründung »Freie Volksbühne« wird nicht mal erwähnt – auch das etwas seltsam.

Manche Auftritte dehnen sich unnötig, manche sogar unerträglich. Die Hausmatadoren Frank Castorf und René Pollesch steuern jeweils einen Showteil bei, ein gutes Dutzend sind es insgesamt – Castorfs Beitrag ist dank Sophie Rois ein Höhepunkt, Polleschs Monologfrau (Silvia Rieger) einfach nur nervend. Aber auch das gehört ja zur Volksbühnen-Mission: Spielen bis zur Schmerzgrenze, Hauptsache, man erzeugt Emotionen. Wenn schon keine Begeisterung, dann eben Wut.

Die Puppenspiel-Queen Suse Wächter ist wie immer toll. Obwohl auch bei ihrem Auftritt ein beherzter Schnitt sinnvoll gewesen wäre – es ist nur müder Klamauk, wenn Max Reinhardt mit Jui Gagarin und Marilyn Monroe Ibsens »Nora« einstudiert (Nachtrag: Die Szene ist in späteren Aufführungen tatsächlich nicht mehr dabei.?

Schade auch, dass Ursula Karusseit, ja  nun wirklich eine echte Volksbühnen-Legende, bei ihrem Auftritt wie ein Schulmädchen behandelt wird. Ihre Einbindung in den Abend scheint nicht durchdacht, wirkt auf jeden Fall lieblos.

Zum Finale hin darf das Publikum dann wieder mit ran. Nach gut drei Stunden ist’s geschafft (ohne Pause). Der Saal war am Premierenabend übrigens nicht mal richtig voll, im Publikum saßen kaum U30-Zuschauer, die Volksbühnen-Fans der 90er und frühen 2000er sind sichtbar mitgealtert.
Trotz aller Einwände lohnt es, diese Revue anzuschauen. Man bekommt wieder mal vorgeführt, wie schwer es ist, Unterhaltungsformate mit gedanklicher Explosionskraft zu bespielen. Nichts weniger hatte Showmaster Jürgen Kuttner anfangs in Aussicht gestellt. Den Versuch war es wert.

Weitere Aufführungstermine: http://www.volksbuehne-berlin.de/deutsch/spielplan/

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