Sobooks – eine Erfolgsgeschichte?

Reto Klar
Was macht eigentlich Sobooks? Die Plattform, die Amazon herausfordern wollte und im Herbst  2014 online ging. Sascha Lobo, einer der Gründer, zieht eine erste Zwischenbilanz. Nicht zerknirscht, aber doch um einige Erfahrungen klüger

Text: Manuela Thieme; Foto: Reto Klar

Intro

»100 Tage«-Bilanzen haben ihren Reiz,  vor allem bei Projekten, die einen ziemlichen Rummel beim Start erzeugten. Sobooks gehört dazu, Sascha Lobo und Mitstreiter hatten die neue Buchplattform auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2014 mit viel Tamtam vorgestellt. Die »Verschmelzung von Buch und Internet« wurde versprochen, der Buchmarkt solle »revolutioniert« werden, »das Lesen der Zukunft« habe man sich ausgedacht. – Damit ist die Fallhöhe deklariert. Wir erinnern uns kurz: Das ambitionierte Netzprojekt »Krautreporter« ging ebenfalls im Oktober online, wollte die Antwort auf die Frage nach der »Zukunft des unabhängigen Journalismus« sein und musste inzwischen viel Kritik und Spott einstecken.

sobooks_startseiteWie ging es also bei Sobooks weiter? Hat man sich wie die »Krautreporter« dann doch gehörig selbst überschätzt? Jedenfalls ist es seltsam still geworden um die sympathische Gründung. Bücher sollen nicht nur erworben und gelesen, sondern direkt im veröffentlichten Text kommentiert und diskutiert werden. Social Reading heißt das Zauberwort, im Namen Sobooks als Mission verewigt. Das alles soll online geschehen – damit man sich Download-Versionen für alle möglichen Lesegeräte sparen kann. E-Book-Rechte seien reichlich vorhanden, von einer »sechsstelligen Zahl« war die Rede. – Soweit die wichtigsten Durchsagen, Stand Herbst 2014.

Beecks_Statistik_2

Daten für  Beecks »So habe ich es geschafft«. Niemand hat mehr Seitenaufrufe bei Sobooks. (Stand 3.2.2015)

Nun sind wir ungefähr bei Tag 111 der Sobooks-Wirklichkeit. Wenn man von Sascha Lobo etwas will, erfährt man, dass man ihm die Fragen mailen möge. Immerhin: Er beantwortet sie schriftlich und zwar im Expresstempo, für ein Gespräch ist keine Zeit (»wegen extrem viel arbeit«, wie er schreibt). Schon klar, der Mann investiert nicht nur seine Prominenz in Sobooks.

Wer noch nie auf http://www.sobooks.de war: angeboten werden derzeit etwa 30 Titel. Extrem interessant sind die statistischen Daten, die bei allen Büchern mitveröffentlicht werden: Seitenaufrufe, Lesezeit, Kommentare, Durchlesequote. Der literarische Mix  ist denkbar wild: Nobelpreisträger Patrick Modiano,  Jerry-Cotton-Hefte, Zeitschriften-Essays (Merkur), Erotik-Romane (ein Allie-Kinsley-Dreier), Thomas Morus und Franz Kafka – auf wenig Raum ist das eine ziemlich schräge Gesellschaft. Wie eine Ferienhaus-Bibliothek, die mit den unterschiedlichen Hinterlassenschaften der Gäste immer bunter wird.

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Bei Sobooks wird mitgefiebert. Beispiel »Piratenbuch«. Heißgehandelt wird es nicht, aber mehr als lauwarm

Sascha Lobo selbst ist natürlich auch aktuell als Autor vertreten: Mit Christoph Lauer schrieb er die Analyse »Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei«. Das Buch (3.99 Euro) gibt es nur auf Sobooks , doch Leserliebling ist bisher Saskia Beecks mit »So habe ich es geschafft« (3.49 Euro). In Sobooks-Vokabeln ausgedrückt:  »Heat 100«, 70.452 Seitenaufrufe. Die Autorin spielte in der Reality-Soap »Berlin Tag und Nacht« mit, nahm 30 Kilo ab, lebt offen lesbisch, ist eine Facebook-Institution – sie hat fast eine halbe Million Follower.
Immerhin: Das Lobo/Lauer-Buch wurde mehr kommentiert und öfter zu Ende
gelesen. Aber eben nicht so oft verkauft und Einnahmen gehören nun mal zur Leitidee einer Firma.

 Interview

(Na gut, View war ja nicht, siehe oben. Müsste es also Interpost heißen? Das Problem schriftlicher Antworten ist: Man kann nicht nachhaken, das Situative fehlt. Insofern, es ist manches halbgar.)

Die Resonanz auf Sobooks ist ja teilweise transparent – bis auf die realen Verkaufszahlen. Können Sie da genauer werden?
Wir sind noch sehr am Anfang, im Oktober online gegangen, das schätzen viele Leute oft etwas anders ein, natürlich auch durch die umfangreiche Presse. Was die konkreten Verkaufszahlen angeht, möchte ich nicht ins Detail gehen, aber für eine neue, junge Plattform mit einem völlig neuen Produkt sind sie sehr ermutigend.

Was sagen Sie dazu, dass Saskia Beecks mehr Begeisterung ausgelöst hat als das Lobo/Lauer-Buch über die Piratenpartei?
Saskia Beecks hat das Buch ihres Lebens geschrieben für ihre fast 500.000 Fans auf Facebook. Sie hat nebenbei den deutschen Rekord für Buch-Crowdfunding gebrochen und um rund 50 Prozent angehoben. Da ist es keine Schande, weniger Begeisterung auszulösen als Saskia. Abgesehen davon sind im Moment alle Bücher auf Sobooks als Experimente zu betrachten, wir versuchen herauszufinden, wie der Buchverkauf der Zukunft aussieht. Vollkommen klar, dass man dabei zehn Wege geht, acht nicht oder nicht so gut funktionieren und die beiden letzten optimiert werden müssen. Da kommt zum Piratenbuch auch noch einiges, übrigens.

Wie viele Seitenaufrufe gibt es durchschnittlich pro Woche? Wie viele Anmeldungen von Interessierten – sprich, wie groß ist die Community?
Wir haben jetzt rund 10.000 registrierte User gewinnen können, aber die Seitenaufrufe pro Woche hängen stark ab von der Inszenierung einzelner Werke. Für die einzelnen Bücher kann man sie ja auch online einsehen.

Das meistdiskutierte Buch mit über 300 Kommentaren  ist »Das neue Spiel« von Michael Seemann. Untertitel: Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust. Ist es meistdiskutiert, weil es gratis ist oder inhaltlich so provokant?
Ein bisschen von beidem, wobei »gratis« überwiegt. Wir haben ja, wie schon bemerkt, ein neues Produkt geschaffen. Bücher in Browsern gab es als Konzept schon recht lang, aber in Deutschland war da bis jetzt nicht viel, was konsequent umgesetzt wurde. Es ist daher völlig okay, wenn das Publikum sich erst einmal langsam herantasten möchte an diese Form des Buchlesens.
Wir machen gerade eine Serie mit der Autorin Allie Kinsley, da war das erste Buch kostenlos (der Prolog), der darauf folgende Teil ist soeben erschienen und kostet 1,99. Hier funktioniert es ausgesprochen gut, schon ein paar Tage nach der Veröffentlichung hat fast die Hälfte der Leserschaft des Prologs auch den ersten Teil gekauft.

Welche Beispiele fallen Ihnen ein, wo »Social Reading«, also das Diskutieren und Kommentieren in den Büchern schon (nach Ihren Vorstellungen) gut funktioniert?
»Reading« war schon immer »social«, lesen gehört in unseren Augen zu den sozialsten Beschäftigungen überhaupt. Alle sprechen dauernd über Bücher, die meisten großen Debatten werden entlang von Büchern geführt. Insofern glauben wir, dass »social reading« neu gedacht werden muss: Weniger als ein einzelnes Killer-Feature, nach dem alle suchen, und mehr in Richtung »Buch als Gesprächsanlass«, das in ganz vielen Facetten »social« wirken kann.

(Tja , das war jetzt ziemlich ausweichend. Dafür haut er das schöne Wort Killer-Feature raus. Musste ich erst mal nachschauen. In etwa so: Die Lösung, die den endgültigen Durchbruch bringt.)

Es gibt  viel von Hanser auf Sobooks. Welche Effekte erhofft sich so ein Großverlag von der Kooperation? Soll mit einzelnen Titeln das Social Reading ausprobiert werden? Weil Sobooks die Softwarelösungen dafür schon hat?
Sobooks ist dabei, mit allen großen Verlagen Verträge abzuschließen, da muss Hanser natürlich dabei sein. Die Zusammenarbeit bot sich an, weil die »Hanser-Box« zunächst digital geprägt ist. Hier gehen wir Schritt für Schritt vor und erproben, oft auch gemeinsam, wie man Bücher inszeniert in Zeiten von Sozialen Medien. Das größte Problem der E-Book-Welt heißt nach wie vor »Sichtbarkeit« bzw. »Discoverability«. Für gedruckte Bücher hat das über Jahrzehnte gut und einigermaßen vorhersehbar funktioniert. Bei E-Books ist dieses Problem zum Teil ungelöst und zum anderen, deutlich kleineren Teil von Amazon vorläufig beantwortet. Wir setzen für eine Antwort auf eine tiefe Integration der sozialen Medien in die Bücher ebenso wie auf eine Vernetzungsmöglichkeit der Inhalte der Bücher selbst. Aber schon daraus wird klar: Die Frage der Sichtbarkeit muss vielfältig beantwortet werden, also unterschiedlich für unterschiedliche Zielgruppen, Bücher, Verlage. Man darf nicht vergessen, dass der E-Book-Markt noch immer sehr, sehr jung ist und daher viele Lösungen erst gefunden werden müssen. Also auch die Lösung, wie Hanser-Bücher im Digitalen am besten funktionieren.

Was ist aus dem gemeinsamen Faz.net-Lesesaal geworden, von dem im Herbst auch unentwegt die Rede war?

Der wächst und gedeiht, wird jeden Tag schöner und wohl noch im ersten Quartal öffentlich werden. Wir freuen uns sehr darauf, weil auch das eine Lösung sein könnte, was Sichtbarkeit von Büchern im Netz abseits von Amazon angeht.

(Man muss ihn einfach mögen. Diese sonnige Art! Dabei klang es im Herbst tatsächlich so, als sei der Faz.net-Lesesaal nur noch eine Frage von Tagen. Die Verschiebung ist ja auch nicht tragisch – oder hat die Literaturwelt deshalb unheilbaren Schaden genommen?)

Ist technisch jetzt alles jut? In den letzten Blogeinträgen im Oktober herrschte Panik. Mein Eindruck: Am Desktop funktioniert alles wunderbar und man wird als Leser auch gut geführt. Auf dem Smartphone war’s etwas mühsamer, wie halt bei allen komplexeren Webseiten.
Ach, ach, ach. Ich könnte hier jetzt die Protokolle von rund neunhundert Meetings reinkopieren, die zeigen würden, dass wir an diesem Punkt sind wie alle Internet-Plattformen: Das Produkt ist nie fertig und muss immer besser werden. Die ärgsten Bugs haben wir inzwischen wohl beseitigen können, aber es stimmt, das muss alles noch sehr viel geschmeidiger werden. Ein wenig ist das natürlich auch Koketterie. Denn Sobooks ist seit Oktober 2014 mit Publikum online, und viele Funktionen kann man erst verbessern, wenn man die Nutzungsmuster analysiert und das Feedback der Leute.

Seit Anfang Februar gibt’s nun doch ein Download-Angebot. Das Lesen im Browser allein ist offenbar nicht der Königsweg, um die Lesegemeinde zusammenzuführen. Adieu Idee, einen Text gemeinsam zu diskutieren und zu kommentieren? 
Wir bieten das als Test bei einigen Büchern an, diese Funktion ist nicht überall verfügbar. Das hängt auch damit zusammen, dass wir entsprechende Nachfragen von den Nutzern bekommen haben und testen wollen, wie das Angebot angenommen wird und wie es sich auf die Plattform auswirkt.  Aber prinzipiell, nämlich von den Nutzern aus gedacht, sind zusätzliche Möglichkeiten selten verkehrt (wenn man sie richtig inszeniert).

Warum haben Sie den Sobooks-Blog nach dem Start nicht weitergeführt? Die persönlichen Berichte und  Erfahrungen aus dem Alltag wären doch weiterhin spannend.
Sie treffen mit dieser  Frage einen wunden Punkt. Das ist schlicht meine Schuld. Die strafenden Blicke meiner Kollegen sind ja kaum noch auszuhalten und das Publikum würde sich sicher auch freuen.

 Nachtrag

 Sascha Lobo ist immer für eine Überraschung gut. Noch am gleichen Abend schrieb er  wieder einen Beitrag für Sobooks-Blog. Hier der Anfang … Und alles Weitere dann via http://blog.sobooks.de/

»Abgekühlter Qualm steigt auf.
Unsere Köpfe tauchen aus der zahnradratternden Maschinerie auf, ölverschmiert.

Aber grinsend. Denn das Gröbste ist geschafft, wir sind online seit etwas mehr als drei Monaten, haben die peinlichsten Bugs bei Sobooks beseitigt. Hoffentlich. Wir haben die ersten Projekte angeschoben und analysiert, die Vorform eines Arbeitsalltags zeichnet sich ab. In der Start-Up-Version, natürlich, die Form des Alltags, die taumelt zwischen Euphorie, Ernüchterung und Erkenntnis.«

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