Berlin zwischendurch: Volksbühnen-Husten

Wie mich ein gefeiertes Anton-Tschechow-Stück der Berliner Volksbühne aus dem Saal trieb  – und im Foyer dann wenigstens auch noch ein bisschen was los war

Text: KiBu

Kartenkontrolle, Garderobe – in Theatern machen diese Jobs meist Studenten.  Als ich dieser Tage endlich mal »Iwanow« in der Berliner Volksbühne sehen konnte, die angeblich beste Inszenierung der Nuller-Jahre im deutschsprachigen Raum, erging es mir wie der Hauptfigur Anna: Ich kam aus dem Husten nicht mehr raus. Autor Anton Tschechow hatte seiner Anna eine Schwindsucht (TBC) verpasst, bei mir lag’s an der unglücklichen Kombination von Erkältung und reichlich Bühnennebel (für das Bühnenbild – nur wabernde Nebel – erhielt Katrin Brack den Faust-Theaterpreis in der Kategorie Ausstattung). Nach 45 Minuten räumte ich luftringend meinen Platz, das Publikum war erleichtert: Ruhe in Reihe 5.

IMG_5101Vor dem Saal saß die Kartenabreißerin auf einer Couch, neben sich einen Pappkarton, auf den Knien mehrere Bögen mit Aufklebern. Ich staunte: In Handarbeit stellte sie die Streichholzschachteln her, die als Werbegag der Volksbühne inzwischen ein Klassiker sind. 100 Schachteln präpariert sie pro Inszenierung. Vorn ein Aufkleber, hinten ein Aufkleber, das dauert. Ihre Kollegen an den Garderoben und anderen Saaltüren taten das Gleiche, eine gute Stunde sind sie damit beschäftigt. Währenddessen gibt’s schöne Dialoge:

»Warst Du schon in dem Stück?«
»Ja, ist mir aber zu schwermütig. Wie immer bei Tschechow geht’s um mürrische, verarmte Männer.«
»Ah, so ist Tschechow? Mein Stiefvater hat alles von dem im Regal. Das passt dann ja. Werde ich mir schon deshalb nicht ansehen.
»Doch, schau’s dir an. Das ist das längste Stück der Volksbühne.«
»Waaas? Das dauert noch länger als Castorfs ›Kaputt‹? Fünf Stunden sind schon echt krass.«
»Nein, ich meine, es ist am längsten im Programm. Zehn Jahre.«

Volksbuehne_Streichholzschachtel

Dann werden die Kartons mit den neupräparierten Streichholzschachteln in den alten Telefonzellen im Foyer für den nächsten Abend deponiert. Pro Zuschauer wird eineSchachtel eingeplant, manche nehmen fünf, andere keine. Bei einer ausverkauften Vorstellung wie »Iwanow« sind also um die 800 Schachteln weg.  Wie viele im ganzen Jahr zusammenkommen, weiß die Pressestelle auch nicht, aber will das klären (Info wird nachgereicht).

»Abenddienst« nennt sich die Truppe, die neben den Kulissen wirkt. 8,50 Euro gibt’s pro Stunde. Bei »Iwanow« werden bei den meisten Einlassern und Garderobieren drei veranschlagt (2:20h dauert das Stück). Sagen wir so: Castorfs »Kaputt«-Inszenierung bringt als Nebenjob krass mehr.

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