Was man als kleiner Verlag so alles mit dem Buchhandel erlebt

Die Rollenverteilung im Buchhandel scheint klar: Amazon ist böse, »der kleine Buchladen um die Ecke« hingegen ein Segen. Wirklich? Wir haben mit unseren Büchern andere Erfahrungen gemacht

Text: Manuela Thieme, Foto: Sashkin/Shutterstock

Über Amazon wird viel geschimpft, der Online-Händler gilt als Dämon schlechthin. Als kleiner Verlag können wir nach über zehn Jahren Vertragspraxis mit Amazon sagen: Uns ergeht es da nicht schlechter als im übrigen Buchhandel. Ob bei Amazon oder den großen Zwischenhändlern des stationären Buchhandels wie KNV, Libri und Umbreit – immer kassieren sie 50 Prozent des Buchpreises. Unsere Bücher im Perfect-Paperback-Format kosten meist 9.90 Euro. Bleiben 4.95 Euro für Autor, Verlag, Marketing, Versand, Druck.

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Buchhändler verdienen mehr an einem Exemplar als der Autor. Ist das gerecht?

Wir haben als Seitenstraßen Verlag ein paar gute Bücher verlegt, kurze satirische Geschichten über wackere Ehemänner, Liebhaber, Pärchenbetrieb, Lotterbetten, über eigensinnige Weltenbummler, über Großstädter, die aufs Land zogen und dort nicht nur ihr grünes Wunder erlebten. Insgesamt sind es bisher nur elf Titel, unser Hauptgeschäft war lange die Herausgabe einer Zeitschrift. Immerhin: Summasummarum wurden die Bücher über 120 000 mal verkauft, für einige gibt es Taschenbuchlizenzen, zwei wurden Vorlage für ein Theaterstück. Unsere Autoren bekommen 10 bis 12 Prozent des Buchpreises als Honorar. Das klingt wenig, bei großen Verlagen wie Rowohlt, Hanser, Kiwi sind es keinesfalls mehr, sie machen nicht selten Hardcover-Verträge, in denen 8 Prozent festgeschrieben werden.

Moralbonus der Buchhändler

Wir kümmern uns nun seit einem Jahr verstärkt um unser Buchprogramm, das bis dahin ein Nebengeschäft war. Und unsere Analysen der Branche sind fatal: Der klassische Buchhandel blockiert sich selbst. Amazon hat all unsere Bücher immer aufgenommen, angeboten, auf Lager bestellt, damit sie jederzeit lieferbar sind. Die Großeinkäufer des stationären Buchhandels (KNV, Libri, Umbreit) sind da viel träger, nachlässiger. Warum? Weil die Buchhändler nicht mehr von ihren Zulieferern verlangen.
Buchhändler, vor allem selbstständige, unabhängige (also die, die nicht zu großen Ketten gehören) haben in der Öffentlichkeit einen erstaunlichen moralischen Bonus. Sie gelten als edle Ritter der Kultur, es heißt, sie würden selbstlos, mutig, kundig ihre kleinen Bastionen gegen die vermeintlichen Zumutungen der Zeit namens Hektik, Unwissenheit, Effekthascherei verteidigen. Klar, diese Lichtgestalten gibt es zweifellos, wir kennen auch einige.

Wie ironiefähig sind Buchhändler? Das Kampagnenmotto des Börsenvereins wird oft allzu wörtlich genommen

Oft erleben wir als Verlag aber eben auch Buchhändler, die nur auf Nummer sicher gehen. Sie füllen ihre Regale vor allem mit den so genannten Spitzentiteln der Großverlage und dem, was man echte oder moderne Klassiker nennt. Angebote aus Kleinverlagen? »Wenn jemand bestellt, melden wir uns.« Ja, das machen sie dann. Aber die »Sichtbarkeit« eines Buches als entscheidender Treibstoff wird nur selten gewährt. 35 Prozent des Verkaufspreises haben Buchhändler immer für sich. 35 Prozent! Wie gesagt: Autoren sind mit 8-12 Prozent dabei. Wofür die 35 Prozent? Sie tun oft nichts für das Buch bis auf den einen Anruf oder die eine Mail, um zu hinterlassen: Hier hat ein Leser verbindlich bestellt.

Völlig Relativ anstrengungslos bekommen Buchhändler ihre Provision. Zumindest in unserem Fall – und wir haben von anderen kleinen Verlagen nicht das Gegenteil gehört.

Welches Risiko haben Buchhändler? Sie agieren in einem weithin geschützten Terrain. Es gibt die Buchpreisbindung. Miete, Personal, Stromkosten, vielleicht die Ratenzahlung für  Regale und Computerzeugs müssen finanziert werden – aber das sind letztlich Mindestposten jedes Unternehmens. Teure Maschinen? Nicht nötig. Aufwendige Materialwirtschaft? Nun ja, Einpackpapier und -tüten. Einkaufsökonomie? Ware, die sie nicht verkaufen, können sie in der Regel zurückschicken. Jedes Lebensmittel- oder Klamottengeschäft hat deutlich mehr Risiko. Was da geordert wird, muss bezahlt werden, da ist nix mit Remissionsrecht. Und die Halbwertzeit dieser Angebote ist auch noch sehr viel geringer als die von Büchern. – Halten wir fest: Viele Buchhändler machen aus den Privilegien ihrer Branche zu wenig.

Ein paar konkrete Erlebnisse

Anruf einer Buchhändlerin aus Oldenburger Land: Einer ihrer Kunden will möglichst schnell drei Bücher aus unserem Programm, über die Großhändler dauere die Lieferung zu lange. Wir schlagen ihr vor, wenigstens fünf zu nehmen, denn wenn drei davon schon verkauft sind, ist es nicht vermessen zu behaupten, dass auch zwei weitere ihre Leser finden. Zumal wir das Porto bezahlen und drei Bücher im Versand so viel kosten wie fünf (derzeit 1.65 Euro). Sie lässt sich nicht darauf ein und kommt mit dem Standardargument: »Ich habe doch keinen Platz«.
Seither sind elf Wochen vergangen: Sie hat die drei Bücher bisher nicht bezahlt. Auch das würden wir dem Geheule über Amazon und die große Ketten entgegen halten: Sie kaufen nicht nur umsichtiger auf Vorrat, sie rechnen immer verlässlich ab.

Beispiel zwei: Eine Buchhandlung in Thüringen hat einen unserer Autoren zu Gast und bestellt vorher dessen Neuerscheinung bei uns. Zehn Exemplare. Sie gehen an dem Abend  rasant weg, der Autor ist ein Live-Erlebnis, man wäre locker mehr losgeworden, erzählt der Buchhändler am nächsten Tag am Telefon. Wir bieten Nachschub an, die Gäste der Lesung werden sicher schwärmen und andere aufmerksam machen. »Ach nein, ist doch schön, dass wir da einen Strich drunter machen können.«

Nächstes Beispiel: Wieder eine Lesung, diesmal in einem Theater in Potsdam. Der Buchhändler, der den Büchertisch machen soll, fragt, ob nicht der Autor die Bücher mitbringen könne, dann müsse er nicht extra eine Kiste schleppen. Was, bitte sehr, ist eigentlich seine Leistung? Die Anwesenheit? Er hat volles Remissionsrecht, die einzige Herausforderung bestände darin, den Paketschein für die Rücklieferung zu bezahlen. Noch mal: 35 Prozent pro Exemplar bekommen Buchhändler, bei Lesungen oft sogar 40, weil  sie nicht immer vor Ort stattfinden. 

Und noch ein Beispiel: Direkter Besuch in einer Berliner Buchhandlung.
»Sagt Ihnen der Autor Stefan Schwarz etwas?«

»Ja natürlich, danach wird oft gefragt.«
»Wie schön. Dann ist es aber überraschend, dass es hier kein einziges seiner Bücher gibt.« 
»Den Kunden reicht es, wenn wir bestellen und sie es am nächsten Tag abholen können.«
Dass es für den Autor und den Verlag wichtig wäre, im Laden angeboten zu werden, wird spitz lächelnd abgelehnt: »Er passt nicht ganz in unser Programm.«
Dünkel kann man sich leisten, wenn sich damit tatsächlich das Konto füllen lässt. Allerdings hört man von  »ambitionierten« Buchhandlungen oft, dass es schiefgeht, auf vermeintlich besonders »Erlesenes« zu setzen und den allgemeinen Publikumsgeschmack zu ignorieren.

Fazit (und leider keine Neuigkeit): Die meisten kleinen Buchhändler haben keineswegs erkennbar mehr Verständnis für kleine Verlage. Sie wettern zwar herzlich gern gegen Konzerne und Monopolisten, aber wenn man mit ihnen zu tun hat, ist ihr geschäftlicher Egoismus oft keinen Deut geringer als bei den Großunternehmen.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Amazon ist wahrlich kein Wohltäter, aber sachlich betrachtet, können wir als Kleinverlag froh sein, dass das Unternehmen die Buchbranche sehr viel durchlässiger gemacht hat.


PS am 22.2. 2015: Wir wurden von verschiedenen Leser_innen gefragt, welche Reaktionen es auf diesen Text gab und haben das inzwischen aufgeschrieben.

Ein Jahr nach der Veröffentlichung (im Februar 2016) haben wir die Folgen dieses Textes hier zusammengefasst.

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99 Gedanken zu “Was man als kleiner Verlag so alles mit dem Buchhandel erlebt

  1. Danke für den guten Einblick. Ich finde es bedauerlich, dass gerade die „kleinen“ Buchhändler sich so ungeschickt und wenig wirtschaftlich sinnvoll verhalten. Der Onlinehandel wird als feindseeliger Gegner wahrgenommen, nicht als eigene Chance. (Das ist auch in anderen Branchen ähnlich) Das auch aus meiner Sicht schützenswerte Kulturgut Buch, inklusive der kleinen Buchhandlungen und ebenso der kleinen Verlage, leidet darunter. Die Buchhändler schneiden sich dabei vor allem ins eigene Bein, die massenhafte Schließung von Buchläden seit Jahren ist das Resultat. Mehr Kreativität, Eigeninitative und wirtschaftliches Denken wäre hier gefragt (gewesen). Als Kunde muss ich sagen, reicht es mir nicht als Offensive des Einzelhandels aus, wenn mir beim Stadtbummel und stöbern durch den Buchladen, mantraartig eifrig angeboten wird, das jedes Buch bestellt werden kann und diese Woche noch da ist. Oder sogar am nächsten Tag. Da muss ich dann wieder den Wagen in die Stadt bewegen, bin vielleicht arbeiten und generell kann ich auch selber bestellen. Da wird es mir dann auch nach Hause geliefert. Ich bin durchaus bereit, spezielle Lektüre mal im Ladenlokal zu bestellen. Aber im Normalfall gehe ich dort gerade hin, weil ich stöbern und finden will. Und sofort mitnehmen. Ich bin vom Typ her ein Spontankäufer und neige auch mitunter zum akuten Kaufrausch. Ich wäre die ideale Kundschaft, die man mit ein oder zwei besonders gestalteten Regalen interessanter Lektüre abseits des Mainstreams sehr einfach zum Kauf verleiten könnte. In den letzten zehn Jahren ist mir das kaum passiert. Im Gegenteil, ich bin meistens mit dem Vorhaben, mir etwas kaufen zu wollen, in den Laden reingegangen, habe auch bewusst die Mayersche Buchhandlung gemieden, stattdessem den kleinen lokalen Händler gewählt. Dort hat man es vollbracht, mich ohne Beute ziehen zu lassen. Das vorhandene Sortiment war einfach nur blass und langweilig. Die Verkäufer hatten keinerlei Fähigkeiten, mich für etwas zu begeistern (mit wenigen Ausnahmen, es gab auch zwei grandiose Momente mit hochmotiviertem Personal, darüber muss ich beizeiten mal einen Artikel verfassen^^).
    Ähnliche Geschichten kenne ich von meinem Umfeld. Buchläden werden kaum noch aufgesucht, weil es dort nichts von Interesse gibt. Wer ohnehin weiß, was er will, bestellt es einfach, statt ein oder zwei Fahrten mit dem Auto in die Stadt zu machen, womöglich noch vergebens (da das gewünscht Buch nicht von dem Großhändler vertrieben wird, bei dem der Laden bestellt).
    Bei Versuchen, mit den Buchhändlern in die Kommunikation zu gehen, bin ich meist nur auf Gejammer gestoßen. Alle anderen sind böse, Amazon ist schuld. Einfach die Chance wahrzunehmen, im lockeren Gespräch mit Kundschaft, offenes Feedback einzuholen und letztlich den nachfragenden Teil des Marktes abzuklopfen: Fehlanzeige. Ich bekam nur mitgeteilt, was nicht geht und was man schon alles versucht habe und es hätte ja eh alles keinen Sinn, die Absatzzahlen sinken, Amazon ist böse und der Kunde kauft falsch ein. Da könnte man nichts machen. Tja, kann man dann wohl wirklich nicht…

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  2. Liebe Leute von Seitenflügel,
    danke für diesen Beitrag. Leider hat sich auch nichts dran geändert.
    Der Buchhandel stellt viele Anforderungen, Ich habe in 5 Jahren nicht eine gute Erfahrung gemacht.
    Leider. Wir haben sogar ein Kinderbuch Titel „Marienkäfer Siebenpünktchen“ und ca. 300 m weiter einen Buchladen mit dem Namen Siebenpünktchen. Man war aber nicht bereit es im Laden zu haben. Der Kunde hätte 5 Minuten warten und wir hätten es zu Fuß in den Laden bringen können.
    Mehr muss man doch nicht sagen oder?

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  3. Bin erst jetzt auf diesen Beitrag gestoßen. Finde ihn sehr gelungen. Am besten hat mir das mit dem „Strich drunter machen“ gefallen. Sehr lustig. Ja, so ist das. Ähnliches habe ich auch schon erlebt mit einer renommierten Buchhandlung in Essen. Besonderes Engagement für Indie-Verlage oder Indie-Autoren gibt es in den Buchhandlungen in der Regel eher nicht.
    Dürfte ich auf meinem Blog http://www.indieautor.com zu diesem schönen Artikel hier verlinken, sobald ich einen entsprechenden Beitrag zum Buchhandel schreibe (ist geplant)?
    Viele Grüße
    Anton Goldberg

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  4. Ich habe mich schon immer gewundert, dass überall das mehr oder weniger gleiche Angebot an Büchern steht. Würde mir auch mehr Vielfalt wünschen, dann könnte man in Buchhandlungen wenigstens wieder richtig bummeln.

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  5. Hat dies auf buchstabentherapie rebloggt und kommentierte:

    Interessantes Kontra gegen die rosa Brille, die auf kleine Buchhändler gerichtet ist. Lenkt hoffentlich den Blick ein bisschen mehr direkt auf die kleinen Verlage, die Bücher anbieten, die nicht ganz ins Konzept passen und genau deswegen interessant sind.

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  6. Sehr geehrte Damen und Herren, ich kann Ihren Artikel sehr gut! nachvollziehen. Ich habe fünf Bücher geschrieben und veröffentlicht. Der stationäre Buchhandel weigert sich nicht nur, meine Bücher ins Regal zu stellen (dabei ist das Risiko gleich Null, weil sie evtl. nicht verkaufte an den Verlag ohne finanzielle Einbußen zurückgeben können), sondern er schickt auch Kunden weg, die es trotzdem wagen, nach meinen Büchern fragen! Da kommen abenteuerliche Aussagen von wegen „gibt es nicht, oder gibt es nur bei der Autorin“. Bei Amazon sind sie lieferbar und auf Lager …. Noch Fragen? Aber die Medien sind leider auch nicht besser. Jeder Promi, der ein Buch veröffentlicht (auch wenn er es nicht selbst geschrieben hat) darf es dort vorstellen, z.B. in Talkshows, wo sie ihr Buch immer „zufällig“ dabei haben…
    Mit freundlichen Grüßen
    Ingeborg Münch

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  7. Wir sind ein Kleinverlag mit touristisch relevanten Regionalia-Titeln und geben auch für den unabhängigen Buchhandel grundsätzlich sogar mindestens 40 Prozent (plus Partie). Dazu keine Mindestbestellmenge, volles RR und lange Zahlungsziele. Und immer wieder Aktionen mit voller Portokostenübernahme, schnelle DHL-Lieferung, etc.
    Aber trotzdem können wir das im Artikel beschriebene Szenario nur weitestgehend bestätigen. Ganz egal, ob Filialist, unabhängiger Buchhhändler oder whatever, im stationären Handel herrscht die nackte Angst vor Tiefe und Breite im Sortiment. Die großen wie Thalia oder Hugendubel hauen dem Kunden stattdessen lieber die Spiegel-Bestsellerliste am Besten an gleich drei Stellen im Laden um die Ohren, dazu massenweise MA und natürlich Non-Books in jeder Ecke. Verlage, deren Titel sich nicht mindestens fünfzigmal pro Monat und Filiale drehen, werden zur Randnotiz oder fliegen ganz raus. Und die unabhängigen Sortimente verlieren sich in den Hochglanzvorschauen der Verlage, die gerade „in“ sind, dazu natürlich das üblich-unverzichtbare Bestseller-Angebot, und das wars dann auch schon. Grundsätzlich auch immer nur das Zeugs, dass die Vertreter der großen Verlage in der Mappe haben. Und auch wenn ein Verlag mal nicht die hohen Gebühren für Prolit, Runge, etc. zu zahlen bereit ist, sondern selbst ausliefert, ist das automatisch ein no go für viele Sortimenter. Bündelungseffekte gehen den meisten Buchhändlern über absolut alles, auch deshalb sind ja die dementsprechend steigenden Barsortimentsquoten in den letzten Jahren der Todesstoß für viele Kleinverlage gewesen. Denn die Grossisten mit ihren Konditionen an der absoluten Schmerzgrenze werden keineswegs mehr ihrer eigentlichen Funktion in der Branche gerecht und führen ja auch nur noch Allerweltsliteratur aufgrund wirtschaftlicher Eigeninteressen. Zudem werden Direktbestellungen bei Verlagen oft auch durch die Jahresboni-Modelle der Barsortimente abgeblockt. Und wenn aber dochmal beim kleinen Verlag vor der Haustür bestellt werden muss, wird nicht selten selbst bei Rechnungsbeträgen deutlich unter fünfzig Euro nach neunzig Tagen Valuta gefragt. Umso trauriger, dass die Quote der gemahnten Rechnungen auch bei uns im zweistelligen Prozentbereich liegt und jede zweite überfällige Rechnung sogar alle drei Mahnstufen durchläuft. Unsere Druckereien wiederum würden uns das ganz sicher nicht durchgehen lassen. Valuta, Skonto, RR? Pustekuchen! Wenn der Titel bei uns ausrollt und wir bereits mit vielen tausend Euro für Druck, Werbung, Marketing, etc. in der Kreise stehen, überlegt der Buchhändler immer noch, ob er das Risiko einer Zwanzig-Euro-Bestellung bei uns eingehen soll, deren Fälligkeit beinahe bis zum Sankt Nimmerleinstag reicht.
    Wir haben zumindest insgesamt eine wirklich geringe Remi-Quote, aber das liegt auch daran, dass es ja leider Trend ist, Titel mittlerweile nur noch in Einer- oder Zweier-Mengen einzukaufen. Selbst wenn der Titel nach spätestens ein bis zwei Wochen wieder nachbestellt wird und kontinuierlich läuft. Da interessieren selbst die Partiestücke nicht, hautpsache man bindet sich nix ans Bein. Dabei ist es doch geradezu offensichtlich, dass die Buchhändler mit solchen Vorgehensweisen zwar geschickt die großen Rechnungsbeträge vermeiden, die Kapitalbindung begrenzen und das Risiko minimieren, sie schätzen oft jedoch auch ihre Handlungskosten völlig falsch ein und sorgen so doch nur für versteckte bzw. vermeidbare Kosten im Besorgungsgeschäft. Hinzu kommt, dass ihre Regale aussehen als stünde man in einer Apotheke, nix mit Stapelpräsentation und Warendruck. Die Bestseller natürlich ausgenommen.
    Amazon hingegen ist nun wirklich nicht zu glorifizieren, jedoch leisten sie einfach schlichtweg das, was alle Beteiligten – Kunden und Lieferanten gleichermaßen – erwarten, absolute Verfügbarkeit auf unkompliziertestem Wege. Somit stellen sie auch für unseren Verlag ein unverzichtbaren, existentiell notwendigen Handelspartner dar, gerade als Verkaufsplattform für ältere Backlist, die weder im stationären Sortiment noch bei den Großhändlern noch jemanden interessiert. Man sollte insofern auch mal zur Kenntnis nehmen, dass Amazon weltweit der größte Multiplikator für Buchkultur in all ihrer Vielfalt ist, alle wirtschaftlichen Hintergründe mal außen vor gelassen.
    Fakt ist, wie im Artikel auch bereits gesagt, ganz sicher bedarf es keiner pauschalen Kritik an allen unabhängigen Sortimentern. Es gibt durchaus viele großartige Buchhandlungen da draußen! Aber ebensowenig ist eine generelle Kategorisierung des stationären Buchhandels als helle Seite der Macht (und Amazon als dunkle Seite) angebracht. Die Scheu des unabhängigen Buchhandels vor dem Risiko einer Direktbestellung bei (Klein-)Verlagen oder überhaupt nur einer Aufnahme dieser Verlage in das Sortiment ist allgegenwärtig spür- und sichtbar, ohne jeden Zweifel. Eine traurige Entwicklung, die den stationären Buchhandel Stück für Stück in die Trivialität des Allerwelts-Einzelhandels einsickern lässt und ein zwangsläufiges Argument für den Online-Handel, der im Grunde nicht der Übeltäter ist, als der er oft dargestellt wird, sondern der vielmehr ein Nutznießer bereits begangener Übeltaten ist …

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    • Vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Ihre Erfahrungen sind nach wie vor auch die unseren: Immer wieder werden Kleinstmengen bestellt, selbst bei Titeln, die laufen. Wobei inzwischen Buchhändler interessanterweise oft mit sich reden lassen und Richtung Partie aufrunden, Großhändler wie Libri hingegen bringen es fertig, manchmal dreimal die Woche 4-8 Exemplare zu bestellen. Was macht man als Verlag: Man wartet mehrere Bestellungen ab, um Versand- und Portokosten halbwegs im Rahmen zu halten, was allerdings die Lieferzeit verlängert. Dass es anders geht, zeigt KNV: Da bewegen sich die Orderzahlen mehrheitlich in sinnvollen Größenordnungen.

      Das Problem der Zahlungsmoral – Sie beschreiben es ja eindrucksvoll – ist ebenfalls nach wie vor aktuell. Auch bei uns sind noch etliche Rechnungen aus dem ersten Quartal offen. Darunter ist übrigens ein Buchhändler, der im September von Kulturstaatsministerin Monika Grütters als großer Held seiner Spezies ausgezeichnet wurde. Auf die zweite Mahnung hin hat er erklärt, die Buchhaltung werde das jetzt schnell klären.Seither sind mehr als drei Wochen vergangen und nichts ist geschehen.
      Umso dankbarer sind wir für die ehrlichen, zuverlässigen Buchhändler. Viele von ihnen hatten sich über unseren Text geärgert, weil er ihrer Meinung nach zu sehr pauschalisiert. Aber sie haben nicht bockig reagiert und alle Kontakte abgebrochen, sondern nahmen es sportlich und zeigten, wie es anders geht.Vielleicht muss man die positiven Erfahrungen einfach mal namentlich machen – Verlegerkollegen und Kunden können sie dann ja abgleichen.

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  8. Liebe Leute!

    Als besonders bedrückend und in hohem Maße unangemessen erlebe ich das Desinteresse vieler Buchhändlerinen und Buchhändler an neuen Büchern. Selbstverständlich sind Bücher gemeint, die nicht mit Top-100-Zahlen und bunten Bildern in die Buchhandlungen gedrückt wurden.

    Ist Ihnen allen bekannt, dass es schier unmöglich ist, zum Beispiel bei Thalia ein neu erschienenes Buch unterzubringen? Aus der Zentrale in Hagen werden Sie erfahren, dass jede Filiale selbst entscheiden kann, ob es ein Buch wert ist, in einer Filiale verkauft zu werden.

    Die Kolleginnen und Kollegen in den Filialen habe ich bisher noch nicht ein einziges Mal in einer Laune erlebt, dass sie sich für ein Buch interessieren. Sogar nicht für ein neues Buch, obwohl es in ihrem Angebotskatalog zu finden ist.

    Diese Unkultur macht Schule. Es gehört mittlerweile zum guten Ton, Bücher in Kommission zu nehmen. Gerne für 40 oder sogar für 45 Prozent Rabatt. In den besten Lagen an der Ostsee ist das inzwischen Standard.

    Was dagegen hilft? Buchläden meiden, die nur Schrott anbieten. Nicht mehr online, sondern immer direkt bei den Verlagen bestellen, wenn man ein Buch braucht – erst dann kommen die Autoren wieder zum Zug. Falls die Verlage auch endlich damit abenden, die Autoren mit unsinnigen Tiefstpreisen abzuspeisen

    Mit Gruß!

    Scharmann

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    • Hallo Herr Scharmann, davon abgesehen, dass ich Bücher mittlerweile für ein fragwürdiges Medium halte, würde ich mich über eine gelegentliche Kontaktaufnahme freuen. Meine E-Mail Adresse lautet: ruecker@WundR.de, ich bin auch gut unter 0151 52767070 zu erreichen.
      Ich verbleibe mit einem kräftigen: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Michael Rücker.

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  9. Erstmal danke für den Artikel.
    Ganz so hätte ich das nicht erwartet.
    Aber natürlich ist mir auch aufgefallen, dass die Bücherläden immer kleiner werden. Gibt es da noch unterschiede zwischen den Onlineläden?
    Schon mal vielen Dank.
    Daniela

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    • Guten Abend. Wir versuchen mal, Ihre Frage zu klären, falls uns das nicht gelingt, einfach noch mal einen zweiten Anlauf starten: Da die anderen Online-Anbieter (egal ob Thalia.de, Weltbild.de usw.) sich die Bücher über die Barsortimente (also die Großhändler KNV, Libri, Umbreit) holen, bekommen wir keine genauen Zahlen und können über deren Verkäufe unserer gedruckten Bücher dort nicht ernsthaft etwas sagen. Amazon bestellt direkt bei uns im Verlag, so wie auch KNV, Libri, Umbreit.
      Bei den eBooks bekommen wir exakte Zahlen, sind allerdings erst seit Februar überhaupt auf diesem Markt dabei (insofern bitte nicht überbewerten). In dem Vierteljahr verteilen sich unsere gesamten, erfreulich zahlreichen eBook-Verkäufe inzwischen wie folgt: 85 Prozent Amazon, 9 Prozent Tolino-Allianz (buecher.de/ eBook/Thalia/Weltbild/Hugendubel), 6 Prozent iBooks (via ITunes).
      Die Amazon-Ausschüttungen sind deutlich großzügiger, das Unternehmen zahlt derzeit 70 Prozent des Verkaufspreises aus, die anderen generell 50 Prozent. Wiederum ganz sachlich zusammengefasst: Wir verkaufen dort viel und bekommen dort am meisten.

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