Was liest Monika Grütters?

Staatsministerin für Kultur und Medien/ Foto: Bildstelle Bundesregierung Steffen Kugler

Eine Gesprächsrunde mit der Staatsministerin für Kultur und Medien im »Literaturforum im Brecht-Haus« Berlin, in der sie sich nicht nur vor Wolfgang Herrndorf verbeugt  – und Frau Offermanns der heimliche Star ist

Text:  Manuela Thieme; Porträtfoto: Steffen Kugler / Bildstelle Bundesregierung

Literaturforum im Brecht_Haus Berlin

Drei Gläser, zwei Flaschen. Im Literaturforum im Brecht-Haus geht’s ressourcenschonend zu

Kann gut sein, dass Monika Grütters demnächst den Deutschlehrern dieses Landes einen Pokal stiftet. Die  Staatsministerin für Kultur und Medien war gerade Gast im »Literarischen Trio«, um über ihr »Leseleben« und ausgesuchte Neuerscheinungen zu reden. Sie macht zuerst bei ihrer Deutschlehrerin in Münster Station. Diese Frau habe sie für die Literatur begeistert. »Jakob der Lügner« von Jurek Becker sei um 1980 gerade Schulstoff geworden und das Bischöfliche Mädchengymnasium, an dem Grütters ihr Abi machte, »setzte es sofort auf die Lektüreliste«, erzählt sie auf die unvermeidliche Einstiegsfrage der Moderatoren, »welche Bücher sie denn besonders prägten«.
Deutschlehrer seien so wichtig, sagt Monika Grütters, sie selbst, Jahrgang 1962, Älteste von fünf Geschwistern, wäre zum Beispiel vermutlich sonst Ärztin wie der Vater geworden, wenn es nicht jene Jutta Offermanns gegeben hätte. Die Moderatoren nicken angetan, das Publikum ebenso – die Staatsministerin macht eine Notiz. Deutschlehrer, ihr werdet von ihr hören!

Monika Grütters als Herrndorf-Verehrerin

Von Frau Offermanns, inzwischen pensioniert, lässt sich Monika Grütters jedenfalls seit etwa 15 Jahren wieder in Sachen Literatur beraten und überraschen. Die beiden Frauen schicken sich Bücher, die sie gelesen haben und für gut befinden. »Lesefrüchte« nennen sie das. Die alte Deutschlehrerin wird demnächst dann wohl ein Päckchen mit »Bilder deiner großen Liebe« bekommen, das postum veröffentlichte Roman-Fragment von Wolfgang Herrndorf.
Das ist Monika Grütters Favorit in der Abendrunde. »Das literarische Trio – sechs Bücher und ein Gast« heißt die Veranstaltungsreihe. Die letzten »Literaturen«-Chefs Frauke Meyer-Gosau und Jörg Magenau moderieren sie – wir erinnern uns kurz: Aus der Zeitschrift »Literaturen«, von Sigrid Löffler gegründet, ist eine schmale Beilage geworden, die bei »Cicero« erscheint. Die beiden Journalisten laden sich alle zwei Monate Promis aus dem Kunst- und Politikbetrieb ein, zuletzt waren die Schriftstellerin Antje Rávic Strubel und die Verlegerin Antje Kunstmann da. Diesmal also Monika Grütters. Es ist der zweite Anlauf, der erste Termin platzte aus dienstlichen Gründen. Wohl deshalb redet das Trio vornehmlich über Titel aus dem Bücherherbst 2014. Die gemeinsame Klammer: die Literarisierung von Kindheit und Jugend.

Monika_Gruetters_im_Literaturforum

Reden wir nicht von der Dämmerung der Literatur, sagen wir rundheraus, es ist ein Handyfoto. Höflich, ohne Blitzlicht

Für das letzte Buch von Wolfgang Herrndorf (1965-2013), »Bilder deiner großen Liebe«, hat Monika Grütters nur gute Worte übrig. Es begleitet die Teenagerin Isa, von anderen für verrückt erklärt, auf einer Zufallstour durch eine unglamouröse Welt, die voller Geschichten und Geheimnisse steckt. Grütters sagt, sie mag das Episodische, das Zärtliche, das Vage. Und erstaunlich: Man glaubt ihr die Begeisterung. Sie, die also nicht Ärztin wurde, sondern Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften studierte, macht aus Lektüre keinen OP-Bericht. Sie sagt, was sie berührt und warum, mit umständlichen Kritikervokabeln hantiert sie selten. Sie blättert hin, blättert her, liest etwas vor, überall gelbe Klebezettel und Eselsohren. »Die mache ich immer an Stellen, die ich besonders toll finde.«
Ja, keine Frage, sie ist Herrndorf-Fan, was natürlich nicht überraschend ist bei all der Herrndorf-Verehrung ringsum. »Der ›Tschick‹ ist Weltliteratur«, verkündet Monika Grütters, sie kann  aus seinem Blog »Arbeit und Struktur« zitieren, sie verweist auf »Plüschgewitter«, das starke Buch vor dem großen Bestseller-Erfolg.

Lob für Karl May

Überhaupt kennt sie sich aus, daran lässt sie keinen Zweifel. Jean Paul ist ihr literarischer Leitstern, den hat sie im Studium entdeckt, und kehrt immer mal wieder zu ihm zurück: »Eine unerreichbare Sprachenwelt.« Auch Joseph Roth setzt sie auf die Lieblingsliste und von John Irving empfiehlt sie zwei Werke: »Owen Meany« und – » jetzt fällt mir doch glatt der Titel nicht ein, also ich meine das, was teilweise auf der Frankfurter Buchmesse spielt …«. Fragende Blicke,  ratlose Moderatoren, im Publikum weiß es auch keiner. Monika Grütters: »Ahh, ich hab’s ›Witwe für ein Jahr‹« Anerkennendes Gemurmel im Literaturforum, das eher ein großer Raum als ein kleiner Saal ist.

Zum Prolog der Erkundungen »Mit welchen Büchern sind Sie großgeworden?« gehörte auch folgende Selbstauskunft: Als Mädchen hat die Staatsministerin alle 84 Bände von Karl May gelesen. »Andere hatten Ponys, ich den wilden Westen.« Sie lächelt, sie weiß, dass Hohepriester der Literatur da gern die Stirn runzeln. Aber sie steht dazu: »Plott, Sprache und Menschenbild, das ist alles  gar nicht so schlecht.« Widerspruch gibt’s nicht, die Zeit drängt, Schwenk zurück zu den aktuellen Büchern.
Nach »Bilder deiner großen Liebe« folgt Botho Strauß’ »Herkunft«. Grütters und die Moderatoren sind sich einig, diese Familiengeschichte ist emotionaler, erzählter, persönlicher als andere Werke des Autors. Grütters freut sich aber auch über »solch wunderbare Formulierungen« wie »Dressur der Wehmut« oder »Zähmung der Erinnerung«.  

Blick auf die Uhr, harter Schnitt. Jetzt Hape Kerkelings »Der Junge muss an die frische Luft«. Warum lesen das eigentlich so viele, fragen die Moderatoren. Sie finden den Text über weite Strecken zu banal und zu uninteressant aufgeschrieben.
Die Staatsministerin wundert sich wiederum über diese Bemerkungen ein bisschen und sagt, nun ja, Kerkeling sei nun mal schauspielernder Komiker und kein Schriftsteller und die Geschichte seiner depressiven Mutter und ihrem Selbstmord eben sehr ergreifend. Doch, auch dieses Buch habe sie gern gelesen, versichert sie. Vielleicht ist Monika Grütters klug genug, als Politikerin nicht eines der meistgekauften Bücher der letzten Monate zu bekritteln. Andererseits kommt ihr Einspruch auf so nette, selbstverständliche Art, dass  er nicht mal allzu sehr nach Kalkül klingt: »Dieser trotzige Lebensmut ist doch etwas, an dem man sich aufrichten kann.«

Die Frau hat die Sympathien auf ihrer Seite. Was immer man über Monika Grütters hört und liest, es ist fast immer wohlwollend, mitunter nimmt es hymnische Züge an. Die Staatsministerin für Kultur und Medien, nebenbei Vizechefin der Berliner CDU, gilt als ausgesprochen kompetent, intellektuell, nicht elitär, redegewandt, gestaltungsfreudig. Seit anderthalb Jahren ist sie im Amt. Dem Berliner Schlossneubau will sie einen international angesehenen Intendanten organisieren, weil das Haus sonst nur eine weitere Mehrzweckhalle wird, sie hat das Museums-Kuddelmuddel in Sachen moderne Kunst und Sammlungs-Schenkungen in der Hauptstadt geregelt, eine nationale Koordinierungsstelle zu den Raubkunst-Verfahren eingerichtet, sich das Thema Urheberrecht im digitalen Zeitalter neu vorgenommen. Auch ein Wettbewerb für kleine Buchhandlungen wurde ausgerufen, um deren Vermittlerrolle zwischen Literatur und Leserschaft zu stärken.

Eine Frau für alle Fälle. Inklusive Lyrik

Passend dazu erzählt Monika Grütters, wie es ihr bei Besuchen in der Heimatstadt Münster ergeht. »Da kommt der Buchhändler auf die Straße gestürmt, wenn er mich sieht und ruft: ›Ich habe da noch etwas für Ihre Mutter‹.« Für die vielen Neffen fällt ihm nicht soviel ein, merkt sie noch freundlich an. Das schon sehr erwachsenen Publikum nickt wieder seufzend.
So wie Angela Merkels Beliebtheitswerte dürfte auch Grütters Positivimage daher rühren, das sie jeglichen Alarmismus meidet und die Lage nicht schlechter redet, als sie ist. Die Worte  e-Book und Amazon fallen im »Literarischen Trio« nicht ein einziges Mal an diesem Abend. Dafür wird noch zweimal Lyrik angepriesen. Denn zum Abschluss gibt’s noch Kurztipps. J. D.Salingers Kurzgeschichten-Dreier »Die jungen Leute« ist dabei. Dann Emily Dickinson »Sämtliche Gedichte. Zweisprachig«. Und Monika Grütters schließlich schwenkt Jan Wagners »Regentonnenvariationen«. Der Leipziger Bucherpreisträger? Spätestens das ist doch nun so eine effiziente Mehrheitsgeste?

Sie ahnt den Einwand . Nein, sie lobe ihn nicht, weil ihn nun alle loben, sondern erzählt, dass sie ihm vor Jahren – da hatte sie noch ein anderes Amt – »das allererste Stipendium verschafft« habe. Auch Herrndorf habe sie, als »Tschick« gerade erschienen war, für den Buchpreis vorgeschlagen. Damals saß sie dem Kulturauschuss des Bundestages vor:  »Da wird man dann auch unverbindlich nach solchen Dingen gefragt.« Die Jury habe jedoch gesagt: Na ja, es ist ein schönes Jugendbuch. »Ein Jahr später bekam er den Preis dann für den Nachfolgeroman ›Sand‹ – und jeder wusste, er ist eigentlich nachträglich für Tschick.«

Wolfgang Herrndorfs Grab befindet sich übrigens direkt neben dem »Literaturforum im Brecht-Haus« auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Der Hinweis schaffte es dann aber irgendwie nicht in die Runde.

 

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