Geht’s den Verlagen an den Kragen?

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Darf man künftig E-Books weiterverkaufen und können Bibliotheken sie verleihen? Die Diskussion darüber kommt in Gang

Text: Chris Deutschländer

Geht’s den Verlagen an den Kragen? Der Titel mag etwas reißerisch klingen, aber das Fachgespräch der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen in dieser Woche zum Thema E-Book zeigt, dass die Luft für Verlage dünner wird. Etwa 50 Teilnehmer hatten sich angemeldet, sie alle fanden Platz an einem riesigen runden Tisch. Verleger, Autoren, Bibliothekare, Lobbyisten (»Ich spreche für …«), allgemein Interessierte (Rechtsanwälte) saßen da beieinander, moderiert wurde der Nachmittag von zwei Bundestagsabgeordneten. Die Fraktion will sich eine Meinung bilden zu speziellen Fragen des künftigen E-Books-Handels. Erstes Thema: Sollen erworbene E-Books legal weiterverkauft werden dürfen, wie es bei gedruckten Büchern üblich ist? Bei den Printtiteln sei das bei zirka 3 Prozent  der gekauften Exemplare der Fall, war in der Runde zu hören.

Derzeit ist die Weitergabe eines gekauften E-Books untersagt und damit auch der Weiter- und Wiederverkauf, das gilt genauso für das Weiterverschenken, das Ausleihen. Die Befürworter verweisen darauf, das der Weiterverkauf von gebrauchter Software gerade vom Europäischen Gerichtshof erlaubt wurde und sehen daher eine Zukunft für einen Sekundärmarkt. Sie glauben nicht, dass der legale Weiterverkauf von E-Books den Erstverkauf massiv einschränken würde und glauben auch nicht, dass nur Amazon und Apple davon profitieren würden. Till Kreutzer (iRights & Hans-Bredow-Institut Hamburg) sieht sogar Chancen für start-up-Unternehmen, die den Weiterverkauf organisieren und daran verdienen könnten und so verhindern würden, dass Amazon und Apple diesen neuen Markt unter sich aufteilen.

Die meisten Autoren sind gegen einen Second-Hand-Verkauf ihrer E-Books

Leider war kein Vertreter von Amazon geladen oder gekommen, um die Haltung seines Unternehmens zur Frage zu erklären, schließlich würde auch Amazon seine beträchtlichen Erlöse aus den Erstverkäufen gefährden. Wie überhaupt beim ersten Thema die Namen Apple und Amazon auf dem Podium gemieden wurden, sondern nur von den »Großen da, die auch mit einer Art e-pub handeln«, gesprochen wurde.
Die Erfolgsautorin Nina George (»Das Lavendelzimmer«), die gerade in DAS MAGAZIN und im Blog »Bücherfrauen« das mögliche Ende der Verlage angekündigt hatte, vertrat mit erfrischend einfachen Argumenten die Sicht  der Autoren. Ein wichtiges Argument gegen den Weiterverkauf sei, dass sich im Unterschied zum gedruckten Buch ein E-Book nicht abnutze und daher nicht vom neuwertigen Exemplar unterschieden werden könne. Ihre wiederholt vorgetragene Frage, wer bei einer Scheidung eigentlich die E-Book-Sammlung bekommt (die ja eben nicht legal geteilt werden kann), passte dann nicht ganz zu ihrer Ablehnung.
Die kritische Sicht teilen die Verlage, sie wurde von Christian Sprang, Justiziar des Börsenvereins, dann enorm zugespitzt, in dem er das Wiederverkaufsrecht von E-Books als »juristische Nuklearbombe«  bezeichnete. Ich hatte eher »Neutronenbombe« verstanden, die Menschen vernichten, gedruckte wie elektronische Bücher aber verschonen würde.

Ja, im Publikum saß die ehemalige Piraten-Politikerin Anke Domscheit-Berg, die das Fachgespräch kommentierend durchtwitterte (50 Tweets).  Selbst Buchautorin, tritt sie im Gegensatz zu den meisten anderen anwesenden Autoren für ein unbeschränktes Weiterverkaufsrecht und für deutlich geringere E-Book-Preise ein. An diesen unterschiedlichen Auffassungen kann man ganz gut das Dilemma erkennen, in dem die Verlage stecken. Eine Autorin mit aktuell-politischen Texten will vor allem gelesen werden, sie bezieht ihr Einkommen aus vielfältigen Quellen (eben den Bucheinnahmen u.a. Beratung, Podiumsgespräche, Medienhonorare, VG Wort). Autor_innen von Unterhaltungsliteratur sind hingegen weitgehend auf die Erlöse des Verkaufs, eventuell des Verleihs (siehe nächster Absatz) ihrer Texte angewiesen. Lesungen haben sie wenige. Verfasser von Literatur, für die man in Videotheken in den Keller gehen müsste (Erotik, Horror), haben selten solche Auftritte.
Die Experten waren sich nicht einig, wann und ob der Zweitmarkt freigegeben wird. In den Niederlanden wird er bald erlaubt, so dass man die Auswirkungen einer solchen Freigabe an diesem Beispiel dann studieren kann.

Einnahmen aus Bibliotheksverleih sind viel zu gering

Das zweite Thema des Nachmittags, »E-Book-Leihe in öffentlichen Bibliotheken«, übertraf die Brisanz des ersten und begann mit dem gegenseitigen Ausräumen von Vorurteilen, von den Beteiligten hier »Lügen« genannt. Es stimme keineswegs, so Barbara Lison, Vorstandsmitglied des Deutschen Bibliotheksverbandes, dass Bibliotheken ihre Bücher nicht bezahlen und auch nicht, dass ein einmal erworbenes E-Book gleichzeitig an mehrere Leser verliehen würde. Christian Sprang vom Börsenverein räumte im Gegenzug mit der sogenannten »Holtzbrinck«-Lüge auf, die besage, dass der Konzern, zu dem Verlage wie Rowohlt, KiWi und S. Fischer gehören, den Bibliotheken keine E-Books zur Verfügung stellen wolle, Holtzbrinck sei bisher lediglich mit den Konditionen nicht einverstanden. Und das aus nachvollziehbaren Gründen. So wird für ein E-Book, das später ohne Einschränkung immer wieder verliehen wird (wenn auch nicht an mehrere Nutzer gleichzeitig), nur einmal der Kaufpreis fällig. Und der sei obendrein rabattiert.

Was dabei dann zum Beispiel für die Autoren übrig bleibt, ist unangemessen. Nina George, auch zu diesem Thema als Expertin dabei, veranschaulichte anhand ihrer eigenen Einnahmesituation die Problematik: Pro verliehenem gedruckten Buch in einer öffentlichen Bibliothek erhält sie durch die VG Wort eine Vergütung von 2 Cent, bei einem auf der Plattform »skoobe« entliehenen E-Book 16 bis 24 Cent, bei Amazons Kindle Unlimited 30 bis 55 Cent. Trotzdem lehnt die Autorin die Leihe von E-Books generell als »verkaufsschädigend« ab.
Christian Sprang  verwies noch auf einen wesentlichen Unterschied zum Markt der »physischen Bücher«. Dort läuft die Ausleihe hierzulande ausschließlich über öffentliche Bibliotheken, eine privatwirtschaftliche Variante hat sich nie etablieren können. Bei den E-Books sei dies nun anders. Wäre vielleicht ein duales System die Lösung?

Auch wenn die Diskussion weitgehend optimistisch endete (»es wird sich eine Lösung ausmendeln«), bleiben mehr Fragen als Antworten. Würden öffentliche Bibliotheken nicht enorme Mittel für Gebäude, Personal und Kauf physischer Medien einsparen, wenn sie sich auf den Verleih elektronischer Medien konzentrierten und ließe sich davon nicht eine vernünftige Vergütung für Autoren und Verlage finanzieren? Wollen aber Kommunalpolitiker Bibliotheken ohne Gebäude, die ja auch als sozialer Ort eine Funktion haben? Hat man bei den Plänen, in Berlin eine neue Landesbibliothek zu bauen, den zu erwartenden Boom der E-Book-Leihe ausreichend berücksichtigt? Sollten vielleicht E-Books generell nicht mehr verkauft, sondern nur vermietet, also befristet gegen Geld überlassen werden?
In der Runde gab es jedenfalls den Hinweis, dass in Norwegen die kostenlose öffentliche Ausleihe von E-Books bereits gut organisiert sei, der Primärmarkt für die Verlage allerdings praktisch gar nicht mehr existiere.

Ist das die Zukunft?

Am Tage der Expertenrunde wurde bekannt, dass die VG Wort in diesem Jahr die Vergütung für die Verlage ausgesetzt hat und im schlimmsten Fall sogar die ausgezahlten Beträge der letzten Jahre zurückfordern müsse. Hintergrund ist eine seit Jahren anhängige Klage, dass der Urheber eines Buches ausschließlich der Autor und nicht zu gleichen Teilen der Verlag sei. Die VG- Wort-Gelder haben einen Anteil der Verlagseinnahmen von bis zu 1,5 Prozent (laut »Buchreport«). Fallen sie weg, klingt das nicht nach Riesenkatastrophe, aber mit Blick auf die anstehenden Veränderungen im E-Book-Handel, die ja Thema des Fachgesprächs waren, müssen sich die Verlage dringend um alternative Einnahmequellen bemühen.

Markus Klose vom Verlag Hoffmann und Campe deutete eine Richtung an. Neben den Neuerscheinungen wird verstärkt die Backlist digitalisiert – meistverkauftes E-Book seines Hauses war letztes Jahr »Deutschstunde« von Siegfried Lenz, erschienen 1968.

Aufmacher-Abbildung: Stempel des Verlags Bastei Lübbe (in die Massen geworfen bei der Leipziger Buchmesse 2015)

Nachtrag 26. März:

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2 Gedanken zu “Geht’s den Verlagen an den Kragen?

  1. Ich lese diesen Monat z.B. ca. 10 Sachbücher. Dafür hätte ich etwa 190 Euro bezahlen müss3n. Da ich 4 Kinder habe und nur Angesrellter bin, frage ich mich…Wie sollte man das bezahlen? Skoobe ist für mich die e8nzige Lösung, wenn ich nicht zu den illegalen Downloads gehen will. Genau das passiert bei den Songs und Spotify , oder den Filmen und Netflix. Der Schwarzmarkt fällt dadurch für viele von uns weg. Auch wenn die Autoten wenig Geld dabei bekommen, zumindest etwas landet bei Ihnen. 7nd Bücher für 20 bis 30 Euro sind für mich kaum finanzierbar…

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  2. Der Artikel erweckt ein wenig den Eindruck, dass Autoren von Unterhaltungsliteratur nicht auch Erlöse durch die VG Wort erhalten. Das erwähnte Beispiel der Schriftstellerin und Journalistin Nina George zeigt jedoch, dass sie von der VG Wort eine Vergütung von 2 Cent pro Ausleihe eines Buch erhält. Dazu werden noch Tantiemen von der VG Wort für Hörfunkbeiträge, Hörbücher und Texte im Internet kommen.

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