Huntington und das Griechenland-Problem

Lange wurden Samuel Huntingtons Thesen vom »Kampf der Kulturen« darauf reduziert, muslimisch-christliche Konflikte zu erklären. Inzwischen ist klar, dass seine Analysen auch für das Verständnis brisanter innereuropäischer Entwicklungen taugen

Text: Chris Deutschländer

Es lohnt,  sich dieser Tage wieder intensiver mit Samuel P. Huntingtons »Clash of Civilisations«  zu beschäftigen. Der Autor (1927-2008) hat die Griechenland-Krise nicht mehr erlebt, doch man kann sagen, dass er sie in seinen Analysen sehr wohl mit vorhergesagt hat. Genau wie den Ukraine-Konflikt.

Foto Samuel Huntington

Foto: Samuel P. Huntington ©Harvard University News Office

Über das Buch, vollständiger Titel »Clash of Civilizations and the Remaking of World Order«, wurde seit seinem Erscheinen 1996 heftig gestritten. Oft skeptisch, weil lange nicht mehr Konfliktregionen als Ex-Jugoslawien, der Kaukasus und Nigeria auszumachen waren. Das Huntington-spöttische Avaaz-Video »Stop the Clash of Civilizations« gewann noch 2007 den YouTube Award  in der Kategorie »Politik«.
Zur Ablehnung seiner Theorie  trug sicher auch die irreführende Übersetzung des Titels mit »Kampf der Kulturen« bei. Es gibt viele Entsprechungen für »clash«, die üblichen sind jedoch weniger kriegerisch als »Kampf«: Konflikt, Zusammenprall, Kollision, Streit, Aufeinandertreffen, Zusammenstoß.

Gehört Griechenland zu Europa?

Lange wurden Huntingtons Thesen darauf reduziert, muslimisch-christliche Konfrontationen zu erklären. Inzwischen ist klar, dass sie auch für die Erklärung brisanter innereuropäischer Entwicklungen taugen. Wie also passt Huntingtons Denkmodell zur aktuellen Situation in Europa? Wobei ich mit Europa den Erdteil und nicht die EU meine.* Huntington zieht die Grenzen nicht entlang von Staaten oder Staatengemeinschaften, für Europa verlaufen sie bei ihm zwischen dem westlich geprägten und dem orthodox geprägten Kulturkreis.

Quelle: wiki, Karte im Beitrag zu Kampf der KulturenOrthodox geprägte Gesellschaften haben – anders als protestantische und katholische – wichtige Entwicklungen wie Renaissance, Reformation, Aufklärung, industrielle Revolution nicht durchgemacht. Die Trennung von Staat und Kirche ist wenig ausgeprägt, die Armee ein entscheidender Machtfaktor, Marktwirtschaft und Demokratie gelten als fremde Ideen.
In Europa verläuft diese Grenze laut Huntington quer durch den Balkan und Osteuropa: Russland, die Ukraine, Weißrussland, Rumänien, Moldawien,
Bulgarien, Serbien, Montenegro, Mazedonien, Zypern und eben Griechenland gehören zum orthodoxen Kulturkreis. Polen, die Slowakei, Ungarn, Kroatien sind die westlichen (hier katholischen) Grenzstaaten. In der Ukraine verläuft die kulturelle Grenze sogar quer durchs Land – schon der Name Ukraine enthält  ja passenderweise den Begriff Rain (Ackergrenze).

Nun kann es sein, dass Griechenland die Eurozone verlässt, ja es gibt sogar Überlegungen, dass das Land  vorübergehend aus der EU ausscheiden muss. Da ist die Frage gestattet: Gehört Griechenland denn zu Europa? Die Antwort ist: geografisch ja. Genau wie Russland. Russland? Das gehört doch politisch und kulturell nicht in die EU, heißt es immer wieder. Nein, natürlich nicht. Doch das Gleiche trifft eben auch auf  Griechenland zu. In orthodoxen Gesellschaften gibt es einen ausgeprägten Nationalismus, sie nutzen bis auf die Rumänen eine andere Schriftsprache, antimoderne Werte sind oft noch Alltag: Homosexualität ist ein Tabu, Emanzipation der Frau ist kein politischer Wille, Vorteilsnahme hingegen gilt als Teil des sozialen Regelwerks.

Ein aktueller Konflikt dieser Art wird gerade in Rumänien ausgetragen, wo der protestantische Siebenbürger Sachse Klaus Johannis zum Staatspräsidenten gewählt wurde (zu einem Zeitpunkt, wo fast alle Rumäniendeutschen das Land endgültig verlassen haben) und nun den Ministerpräsidenten ausgerechnet wegen Korruption zum Rücktritt drängt.

Wie Griechenland in westliche Obhut kam

Doch zurück zu Griechenland. Wenn die Teilung Europas so eindeutig vorzunehmen ist wie bei Huntington, stellt sich die Frage, wie dieses orthodoxe Land unter westlichen Einfluss kam.

Kreuzzeichen der orthodoxen Kirche. Sie bilden mit zirka 300 Millionen Angehörigen die drittgrößte christliche Gemeinschaft der Welt

Symbol der orthodoxen Kirche. Sie hat zirka 300 Millionen Mitglieder und ist die drittgrößte christliche Gemeinschaft der Welt

Bereits die Gründung der Ersten Hellenischen Republik (1828 bis 1832) stand stark unter britischem (daneben noch französischem und russischem) Einfluss. Dieser Einfluss sorgte nicht nur dafür, dass Griechenland ab 1832 Königreich wurde, sondern auch für eine starke Abhängigkeit des jungen Staates von britischen Krediten und Banken – und danach bayrischen, doch dazu später. Die Briten sorgten auch für die stetige Vergrößerung Griechenlands bis zur verheerenden Niederlage im Griechisch-Türkischen-Krieg 1922. (Ein Krieg, den die Griechen begannen!) Entscheidend für die Westeinbindung jedoch war ein Geheimabkommen zwischen Stalin und Churchill im April 1944, das Griechenland nach dem Krieg unter westlichen Einfluss stehen sollte. Zu »90 Prozent«, wie es in dem Abkommen formuliert worden sein soll.

Es lässt sich heute schwer rekonstruieren, warum Stalin auf Griechenland als einzigem Balkanstaat verzichtete, obwohl kommunistische Partisanen aussichtsreich gegen die deutschen Besatzer als auch konkurrierende griechische Guerillas kämpften, ähnlich wie in Jugoslawien.  Schwer nachvollziehbar auch deshalb, weil Stalin wissen musste, dass es in Griechenland immer auch prorussische Stimmen (eine prorussische Partei) gegeben hat  – und zwar keine kommunistische. Heute ist das übrigens Anel, der Koalitionspartner von Syriza. Was die Zusammenarbeit der beiden Parteien wohl mit erklärt.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs 1949 bekam Griechenland Marshallplan-Hilfe, trat 1952 der NATO bei und schließlich 1981 der EWG (später EU) und war dann 2002 beim Euro mit dabei. Die Banknoten bekamen  auch Aufschriften in griechischer Sprache, was der damalige deutsche Finanzminister Theo Waigel anfangs für ein Versehen hielt.

Orthodoxe und Ottonen

Er war übrigens nicht der erste Bayer, der das Staunen lernte. 1832 brauchte Griechenland Kredite. Auf Druck der Großmächte sollte es dafür seinen Status als Republik aufgeben. Die Briten halfen unter der Bedingung, dass sie einen Monarchen auswählen dürfen. Durch die damals noch prosperierende Kleinstaaterei in Deutschland gab es dort besonders viele Kandidaten. Der erste Kandidat aus einem Thüringer Kleinstaat sagte ab und wurde lieber erster König von Belgien (auch dieser Staat ist ein  sehr spezielles historisches Konstrukt).
Schließlich entschied man sich für einen 16-jährigen bayrischen Prinzen, der als Otto I. (nein, das war eben nicht Rehhagel) tatsächlich 30 Jahre Griechenland regierte. Seine Regierung bestand zunächst ausschließlich aus Bayern und mehrte vor allem die Schulden gegenüber dem Herkunftsland. Immer wieder musste Vater Ludwig I. den Staatsbankrott verhindern. 1862 schickten die Griechen den Regenten schließlich heim. Der ließ es sich nicht nehmen, im beschaulichen Bamberg mit seinem fünfzigköpfigen Hofstaat täglich eine Griechischstunde zu zelebrieren, die Kronjuwelen hatte er mitgenommen.

Einen neuen Otto brauchen die Hellenen heute ganz gewiss nicht. Realitätssinn a la Huntington hingegen schon. Jahrzehntelang war in den Zentren der westlichen Welt vollkommen klar, dass Griechenland aus geopolitischen Gründen alimentiert werden müsse, man machte sich jedoch keine Gedanken darüber, dass die Gesellschaften weitgehend unterschiedlichen Mustern folgen. Das genau aber wäre die Aufgabe der  gegenwärtigen Politikergeneration, dafür ein Verständnis zu entwickeln, damit aus verschiedenen Kulturen eben kein Kampf der Kulturen wird.

*Viele Politiker und Journalisten nutzen das Wort »Europa« häufig synonym für die EU und bemerken dabei gar nicht, welches Aggressionspotenzial in einem solchem Ausschluss der europäischen Nicht-EU-Staaten liegt.

Ein Gedanke zu “Huntington und das Griechenland-Problem

  1. „Marktwirtschaft und Demokratie gelten als fremde Ideen.“

    Wobei es schon lustig ist, dass das ausgerechnet für Griechenland gilt, wo die Demokratie ursprünglich mal erfunden worden ist. Im 5. Jhd. v. Chr. war Griechenland ja gerade das „westliche“ Gegenstück zum Orient, Persern usw., mit einem grundlegend neuen Verständnis von Politik und Natur. Irgendwann in byzantinischer Zeit muss Griechenland wohl unmerklich wieder in den Orient zurückgeflutscht sein…

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