Butter bei die Bücher

Foto: www.seitenfluegel.wordpress.com
Wer mehr Bücher verkaufen will, muss neue Wege gehen. Zum Beispiel dorthin, wo die Leser sowieso unterwegs sind. Also Veranstaltungen in Einkaufsmärkten machen? Der Autor Stefan Schwarz hat es ausprobiert

Text: Manuela Thieme

Am Stadtrand von Hoyerswerda, in einem Gewerbegebiet. Gleich beginnt die Lesung im riesigen Einkaufsmarkt. Möbeldiscounter, Baumarkt, Großparkplatz, Tankstelle flankieren das Gelände. Ein exotisches Umfeld für Literatur. Stefan Schwarz macht seit fast zwanzig Jahren Lesungen, oft mehrmals im Monat. In Buchhandlungen, Theatersälen, Bibliotheken, Kulturzentren – aber in einem Einkaufsmarkt? Wo die Kunden Gardinen und Getränke kaufen, Butter und Fahrräder, Kleider und Elektrogeräte, Haartönung und Autozubehör? Warum nicht, meint er. »Man könnte sagen, da kommt der Autor mal zu seinen Lesern und nicht umgekehrt.«

IMG_8137Die »Selbstbedienungswarenhäuser«, wie die Globus Markt-Kette ihre XXL-Geschäfte nennt, feiern 50jähriges Bestehen. Das Unternehmen wollte Mitarbeitern und Kunden nicht nur Bratwurst, Hüpfburg und Musikkapelle spendieren, sondern auch mal etwas »Anderes« probieren. Heraus kam die Idee mit den Lesungen. Eintritt frei. Die Wahl fiel unter anderem auf Stefan Schwarz, zwischen August und Oktober 2015 macht er in zwölf Globus-Märkten Station. Der Leipziger ist ein bekannter Kolumnist der Monatszeitschrift DAS MAGAZIN, es gibt mehrere Bücher mit seinen satirischen Kurzgeschichten, drei Romane, für die Fernsehserie »Sedwitz« hat er das Drehbuch mitgeschrieben – und er ist ein Live-Erlebnis. Schwarz kann nicht nur sehr vergnüglich schreiben, sondern auch lesen. Ob das an einem Dienstag im September in Hoyerswerda zieht, im Großmarkt, um 18 Uhr? Eine Zeit, in der viele Besucher schnell ihren Feierabendeinkauf erledigen? Diese Lesereihe ist auf jeden Fall ein Experiment. Für den Veranstalter und für den Autor.

Im Literaturbetrieb gibt es den Begriff der »Wasserglas-Lesung«. Heißt, der Autor / die Autorin sitzt vorn auf dem Podium, Mikrofon vor der Nase, ein Getränk in Reichweite, die Zuhörer artig in Stuhlreihen verteilt. Bei Globus geht es da anders zu, weiß Stefan Schwarz: »In Halle/Bruckdorf, das war eine Herausforderung, zwanzig Plätze aufgebaut, ohne Mikro, unterm Lautsprecher, der ständig Musik dudelte oder Durchsagen machte.«
Im Globus-Kaufhaus Hoyerswerda lotst man die Zuhörer in die Cafeteria, ein offener Bereich, von den Dutzenden Kassen nur durch den Gang getrennt, der Richtung Ein- und Ausgang führt. Der Aufsteller mit dem Hinweis auf die Lesung hält die wenigsten auf. Der Termin wurde auch im Globus-Werbeblatt annonciert. In der Cafeteria warten schon einige Frauen, sie haben sich schick gemacht, keine Einkaufstüte weit und breit. Die Gastgeberin schüttelt Hände. Sektgläser stehen bereit, auf den Tischen warten Tabletts mit belegten Brötchen.
»Na, Sie haben es sich hier ja gemütlich gemacht«, begrüßt der Autor die Empfangsdame des Hauses. »Ich hoffe, es gefällt Ihnen. Es sollte möglichst familiär wirken, das passt zu Ihren Texten, dachte ich. Deshalb habe ich auch nicht so viele Karten herausgegeben«, erklärt sie strahlend. Schwarz stutzt. Er macht schließlich Lesungen, um sich und seine Bücher zu promoten, da ist ein großes Publikum immer reizvoller als ein kleines. Aber er bekommt ein fixes Honorar, »ein sehr ordentliches«, wie er sagt, da will er sich nicht beklagen.

IMG_8151Bei der ersten Globus-Lesung in Plauen-Weischlitz kamen vier Gäste, in Leipzig-Seehausen waren es hundert. An der Zahl der Brötchen gemessen scheint der Begriff »familiär« in Hoyerswerda zumindest großzügig ausgelegt. Am Ende sitzen 45 Gäste da, drei von ihnen sind Männer. Stefan Schwarz, gerade 50 geworden und wohlwollend betrachtet 1,65 Meter groß, hat enormen Erfolg bei Frauen. Und sein Humor funktioniert nicht nur in einer Altersklasse. Er wird von 30- wie auch 60-jährigen gemocht. Seine alltäglichen Geschichten vom Pärchenbetrieb haben ein hohes Identifikationspotential: Vater, Mutter, Kind – da weiß jeder, wovon die Rede ist. Zoff und Zärtlichkeiten, Wahnsinn und Wunder.

An dem Abend liest Stefan Schwarz aus »Wir sollten uns auch mal scheiden lassen«, es ist sein neuestes Buch. Es wird gekichert, gelacht, gefeixt. Die lockere Runde amüsiert sich prächtig. Dann knackt’s öfter im Mikrofon. Der Autor angelt nach seinem Mobiltelefon. »Tschuldigung, irgendwelche Rückkopplungen, ich mache es aus.« Im Hintergrund fiepen die Scannerkassen, Kinder rufen »Ich will aber ein Eis!«, eine junge Frau sagt sehr laut zu ihrem Begleiter »Nimm endlich die Kartoffeln, ich habe schon zwei Taschen!« Drei Männer in Anzügen, die anders als die meisten Besucher nicht vorbeihasten, bleiben stehen und spähen Richtung Lesekreis: »Was ist denn da los? Weinverkostung?« Einer von ihnen will es genauer wissen, setzt sich dazu, winkt die anderen beiden heran. Die sind zaghafter,  lassen sich an einem Tisch am Rande des Geschehens nieder. Ein junges Paar lehnt an der Kaffeetheke und lauscht erstaunt, was da heute geboten wird.
Zwei Minuten später knackt es wieder im Mikrofon. Alle Gäste kramen jetzt ihre Handys hervor und schalten sie aus. Weiter geht’s im Text. Wieder Knacken. Jetzt wird die Gastgeberin unruhig, über Lautsprecher lässt sie den Techniker ausrufen. Schwarz liest unterdessen unbeirrt, wenig später steigt ein Mann in blauer Latzhose vor ihm auf eine Leiter und werkelt an einem Relais. Es hilft. Das Mikrofon tut seinen Dienst, der Mann, der auf eine Weinverkostung hoffte, ist immer noch da, seine Kollegen sechs Tische weiter auch. Stefan Schwarz trägt die kuriose Geschichte von der Menarche-Feier vor, eine Zeremonie, die Mädchen in trendigen Großstadtvierteln heute bisweilen in die Frauenwelt befördert. Heikles Thema, witzig gedolmetscht.

IMG_8147Dann ist Schluss, Zeit für den Büchertisch. Er ist gut gefüllt, es wurde einiges bestellt. Zwar vor allem die Rowohlt-Ausgaben und nur ein Original aus dem Seitenstraßen Verlag, aber das ist Sache der Abteilungsleiterin »Buch« des Globus-Marktes, sie ist der Boss, sie entscheidet. Ja, richtig gelesen, es gibt in diesem Selbstbedienungswarenhaus natürlich auch Bücher. Sortiert nach den Stichworten »Frauen«, »Spannung«, »Kinder«, »Essen und Trinken«. An der Stirnseite eine Wand mit den aktuellen Bestsellertiteln.
Stefan-Schwarz-Bücher sind nicht im Sortiment. Das soll sich ändern. »Alles, was nicht heute Abend verkauft wird, werden wir ab morgen gut sichtbar platzieren«, verspricht die Gastgeberin.

Groß umräumen muss sie nicht, es bleibt nicht viel übrig. Das Resümee des Autors? Er meint, der Verkauf laufe sogar »etwas besser« als bei normalen Lesungen. »Aber das kann nur ein Eindruck sein, weil man ja in so einem Kaufbezirk ist.«

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Weitere Globus-Lesungen:

Mi, 07.10.2015, Rostock-Roggetin, Globus
Di, 13.10.2015, Erfurt Mittelhausen, Globus
Mi, 14.10.2015, Erfurt Linderbach, Globus

PS: Die Autorin des Textes arbeitet beim Seitenstraßen Verlag, der die Kurzgeschichten-Bücher von Stefan Schwarz herausgibt. Das Interesse, eine der Globus-Veranstaltungen zu besuchen, war rein journalistischer Art: Was passiert, wenn in einem Einkaufsgroßmarkt Kunden plötzlich nicht mehr nur gefragt werden, ob sie Käse kosten möchten, sondern ihnen eine Lesung vor Ort offeriert wird?

 

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