Wie der Osten den Westen verändert

Das Chaos-Potenzial des Ostens ist gewaltig, Angela Merkel beweist es gerade wieder. Eine etwas andere Bilanz zu 25 Jahre Deutsche Einheit

Text: Chris Deutschländer

Der Schriftsteller Maxim Biller hat vor einigen Jahren die »Ossifizierung des Westens« beklagt. Kann gut sein, dass er derzeit wieder besonders leidet. Innerhalb weniger Tage und mit wenigen Sätzen hat Angela Merkel das Land einer fulminanten Öffnung unterzogen. Damit krönt sie eine These, der sich »Seitenflügel«-Blog im letzten Jahr mehrmals widmete, die Beiträge beschäftigten sich mit dem latenten Chaotisierungspotenzial, das von den neuen Bundesländern ausgeht. Themen waren damals die sich anbahnende rot-rot-grüne Koalition in Thüringen, die Etablierung eines deutschlandweit neuartigen wie umstrittenen Fußballvereinskonstrukts in Leipzig sowie die Streiks der Lokführergewerkschaft, die ihren Ursprung eindeutig in Ostdeutschland hat.

Der ungezwungene Umgang der Ostdeutschen mit vermeintlich ewigen Wahrheiten und Autoritäten der alten Bundesrepublik sorgt immer wieder für helle Aufregung und Umbrüche. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass 25 Jahre Wiedervereinigung jedenfalls weit mehr Veränderungen für den Westen brachten als den grünen Pfeil an Verkehrsampeln.
Angela Merkels spontane wie radikale Öffnung der Grenzen für eine Zuwanderung in bisher nicht absehbarer Dimension schafft unwiderruflich neue Wirklichkeiten. Dass sie diese Entscheidung ohne Absolution zuständiger Gremien traf, mag mit dem heftigen moralischen Impuls erklärbar sein, Menschen in akuter Not helfen zu wollen. Nebenbei aber hat sie wieder en passant das eingeübte Lagerdenken des gesamten Politikbetriebes auf den Kopf gestellt. Es fing mit Kernkraft-, Wehrdienst- und FDP-Abschied an und hört mit diplomatischen Solo-Einsätzen (Russland, Ukraine) noch lange nicht auf.
Kein Wunder, dass sich die Stimmen aus dem CDU/CSU-Lager mehren, die das Profil ihrer Parteien als christlich, konservativ, islamkritisch und vor allem den Status-Quo in Deutschland bewahrend ernsthaft in Gefahr sehen. 
Dass diese Sinnkrise nur von einer Politikerin mit ostdeutschen Prägungen ausgelöst werden konnte, haben die Journalisten Tina Hildebrandt und Bernd Ulrich gut erklärt (Die Zeit, 17.9.2015, S. 2 ff)

»Ausschlafen und Nachdenken«

Tatsächlich speist sich das ostdeutsche Chaotisierungspotenzial aber nicht nur aus der Sozialisierung in der DDR, sondern auch aus der protestantischen Prägung der ostdeutschen Länder*. Angela Merkel antwortete mal auf die Frage, was Sonntage für sie bedeuten: »Ausschlafen und nachdenken.« Nichts mit Tag des Herrn. Diese fast trotzige oder einfach schelmische Provokation religiöser Gefühle ihrer Wählerschaft ist legendär und stellt eine tiefe Verunsicherung ihrer Anhänger dar. Bundespräsident Joachim Gauck trug auch seinen Teil bei – dazu später.

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Die zwei ostdeutschen Schlawiner Merkel und Gauck in einer Paraderolle nach dem WM-Sieg 2014 – Foto ©  360b / Shutterstock.com

Verunsicherung ist überhaupt das Stichwort, was das Wirken der Ostdeutschen in der bundesdeutschen Gesellschaft am besten beschreibt. Es geht über die banale Alltagsfrage, ob man sich nun zur Begrüßung die Hand gibt oder nicht, weit hinaus. Die verständnisvolle Betrachtung Russlands durch Matthias Platzeck und andere ostdeutsche Politiker gehört dazu, genauso wie der Erfolg der Großbetriebe in der ostdeutschen Landwirtschaft, die sich innerhalb kürzester Zeit zu einer der erfolgreichsten der Welt entwickelt hat.
Originell wiederum ist, wie der aus dem Osten stammende Berliner Piraten-Abgeordnete Martin Delius alle Erwartungen an seine Partei unterläuft. Durch Sach- und Fachkenntnis – gepaart mit Eloquenz – hat er sich den Ruf erworben, der am besten informierte Politiker in Sachen Berliner Flughafen-Desaster zu sein und mit seiner seriösen Arbeit ausgerechnet das Image seiner Chaospartei chaotisiert.

Neo Rauch, Rammstein und die Lesebühnen

Doch auch in anderen Sphären haben Ostdeutsche kulturelle Spurwechsel ausgelöst. Bleiben wir bei den Bekanntesten: Neo Rauch und mit ihm viele Vertreter der Neuen Leipziger Schule eroberten mit ihren figurativen Bildern die Galerien und Museen weltweit. Innerhalb kurzer Zeit waren alle Nachkriegsgewissheiten perdu, die in abstrakter Kunst den Gipfel der Kreativität erreicht sahen.
Ebenso gelang der Ostberliner Band Rammstein ein ästhetischer Paradigmenwechsel und dass nicht nur, weil sie mit dem Namen des Ortes einer der größten bundesdeutschen Militärkatastrophen spielt. In monströsen, operngleichen Bühneninszenierungen wird das Musik-Arkadien düster, wüst und laut neu errichtet. Von Moskau bis Los Angeles füllen die Lyriker- und Musikprofessorensöhne damit riesige Hallen.
Auch in der Literatur steuerten junge Ostdeutsche ein neues Format bei, »Lesebühne« genannt. Dabei geht es um kurze, ausschließlich lustige Texte, die weder politische Korrektheit akzeptieren noch traditionell mit Wasserglas sitzend vorgetragen werden. Mit der Bierflasche in der Hand stellen die Autoren den Literaturbetrieb, der nach wie vor westdeutsch dominiert ist, bis heute vor Rätsel: Ist das Literatur? Will das jemand lesen? Dürfen die Literaturpreise oder andere Subventionen bekommen?

Natürlich kann man die rumorende Kraft des Ostens nicht nur durch die Plus-Brille betrachten. Fassungslos verfolgt das Land seit gut einem Jahr die Pegida-Demonstrationen in Dresden, die einen Rassismus offenbaren, der seine Wurzeln zumindest teilweise weit vor der DDR-Zeit hat.  Die grausamen Morde des NSU gehören erst recht auf die Negativliste.
Kann man bei diesen Beispielen die Bestürzung im Westen gut nachvollziehen, so ist sie bei einem anderen Thema wiederum völlig unverständlich: die Debatte um die zeitliche Verkürzung der Abiturstufe, die im Westen einige Landesregierungen in arge Bedrängnis brachten.

Krippen, Turboabitur und mancher Statistik-Blöff

Seit bald zwei Jahrzehnten opfern Eltern, Lehrer, Politiker einen beträchtlichen Teil ihrer Lebenszeit für dramatische Diskussionen und Proteste, um zu verhindern, dass man nicht auch nach zwölf Schuljahren die Hochschulreife erlangen kann. Wo doch Vergleichsstudien inzwischen beweisen, dass die Abiturergebnisse nicht leiden. Ein Befund, der nicht akzeptiert wird, weil die Veränderung von Ostdeutschland ausging?
Ähnlich verzweifelten Widerstand gab es anfangs beim Aufbau eines Kinderkrippen-Netzes, das inzwischen jedoch auch im Westen immer dichter wird und es einfacher macht, Familien- und Rollenbilder neu zu justieren. Der Transfer ist im Gang. Galten nach der Wende ostdeutsche Frauen als selbstbewusster, weil ökonomisch unabhängiger und ostdeutsche Männer als weniger machohaft, nicht auf Arbeit fixiert, freizeit- und familienorientierter, sind diese Eigenschaften heute bei jungen Deutschen aus allen Teilen des Landes ausgeprägt und beliebt.

Zum Schluss noch ein Beispiel wie die Ostdeutschen bis heute eine andere heilige Angelegenheit der Westdeutschen ad absurdum führen: die Statistik. Politiker, Wissenschaftler, Manager, Journalisten – alle glauben an diese vermeintlich objektiven Zahlenwerke. Nehmen wir aber nur mal den Anteil Alleinerziehender und Kinder mit Hartz IV-Bezug im Osten. Immer wieder wird er auf mangelnde Bindungsbereitschaft bzw. soziale Bedrängnisse zurückgeführt. Doch die geringere Heiratsbereitschaft ostdeutscher Paare vor und während der Schwangerschaft hat mit den Regelungen der Sozialsysteme zu tun. Die staatlichen Großzügigkeiten hängen nun mal vom Familienstand ab. Da ist es vorteilhaft, ein Kind zunächst offiziell nur bei der Mutter aufwachsen zu lassen, während sich der Vater scheinbar allein durchs Leben schlägt. Ein Kalkül, das mehr bringt als die gemeinsame Steuerveranlagung als Ehepaar – jedenfalls bei geringen Einkommen. Die statistische Differenz ist gewaltig: In den neuen Ländern sind 59 Prozent der Geburten unehelich, im Westen 28 Prozent (Quelle: Max-Planck-Institut für demografische Forschung).
Auf ganz andere Weise erschüttert übrigens der aus dem Osten stammende Bundespräsident den Glauben an die Zahlen. Er reist mit seiner Geliebten durch die Welt, während Gattin Hansine darauf besteht, dass zumindest für die Statistik diese Ehe in Rostock als gerettet gilt.

Das ostdeutsche Chaos ist in den höchsten bundesdeutschen Staatsämtern angekommen – und selbst wenn Merkel und Gauck mal nicht mehr regieren: Der Osten hat den zufriedenen, selbstgewissen Westen ordentlich durcheinandergebracht.


*Nur die Sorben, die Eichsfelder und die Vertriebenen sind katholisch. Allerdings gehören und gehörten auffallend viele ostdeutsche CDU-Spitzenpolitiker ausgerechnet zu dieser Konfession. Darunter die beiden aktuellen Ministerpräsidenten Tillich (Sachen) und Haseloff (Sachsen-Anhalt),  dazu kommt der (Ost-) Berliner Frank Henkel. Zuvor waren es die Politiker-Importe Biedenkopf, Münch und Vogel, sowie der Eichsfelder Althaus.

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