Die Guten aus Manchester

Logo des FC United Manchester

Der FC United of Manchester wurde vor zehn Jahren von enttäuschten Manchester-United-Fans gegründet. Wie geht es zu beim Robin-Hood-Verein des englischen Fußballs?

Text: Chris Deutschländer

Manchester hat der Welt viel Neues beschert. Eine Hose und ein Kapitalismus tragen sogar den Namen der Stadt. Der erste Vegetarierverein der Welt wurde dort 1847 gegründet. Heute gilt die Stadt nicht zu Unrecht als Hauptstadt des englischen Fußballs, Manchester United und seit einiger Zeit auch Manchester City spielen eine herausragende Rolle in Europa. Vor ein paar Jahren wurde das englische Fußballmuseum in die Stadt verlegt und bezog einen attraktiven Neubau. Was bisher weniger bekannt ist: Seit einem Jahrzehnt beherbergt die Stadt auch einen alternativen Fußballverein.

sehen sich als Rebellen: die Fans des FC United

Fußballromantiker: die Fans des FC United

Der FC United of Manchester wurde vor zehn Jahren, von ManUnited-Fans aus Protest gegen die Übernahme ihres Lieblingsverein durch den amerikanischen Investor Glazer gegründet. Das Jubiläum feierte man unlängst im eigenen Stadion, die erste Mannschaft spielt inzwischen in der sechsten Liga. Wie alle Klubs hat man einen eigenen Fußballsender im Netz, dennoch überträgt die BBC regelmäßig Spiele und berichtet.
Denn die Existenz des FC United ist an sich schon die eigentliche Statement. Sein Motto lautet: »Make friends not millionaires«. Grund genug, dem Verein und seinen Fans einen Besuch abzustatten. Jens Lindahl kümmerte sich wunderbar um alles. Er ist einer der inoffiziellen Chefs der deutschen Fan-Abteilung, die sich »German Branch« nennt.

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»Brot und Biere« ist das Motto der deutschen FCUM-Fans

Auch sie rekrutierte sich zu Beginn aus kritischen Fans von »Big United«, hat heute aber ebenso Zulauf von anderen deutschen Fans, zum Beispiel aus dem Umfeld deutscher Alternativvereine wie dem HFC Falke.

Unsere Visite startet im Wetherspoon-Pub. Am nächsten Tag steht dann ein Punktspiel auf dem Plan. Der Pub befindet sich in Heywood (28.000 Einwohner, nordwestlich von Manchester). Eine große Zahl Männer unterschiedlichen Alters begrüßt uns überaus herzlich, für Jens Lindahl scheinen sie »eine Art Adoptivfamilie« zu sein. Nach ein paar Positionswechseln am runden Tisch, vielen  Gläsern Bier und Cider sowie ein paar abwertenden Bemerkungen über den Unsinn von Länderspielen (tatsächlich läuft, von allen Gästen das Pubs vollkommen ignoriert, auf einer großen Leinwand das Spiel Spanien gegen England), kenne ich die Basics der Familiengeschichten der meisten Anwesenden (Krankheiten, Todesfälle, Liebeleien, Geschäftsideen, Wohnsituation), weiß alles über ihre letzten Aufenthalte in Deutschland (Babelsberg, Berlin, Halle, Hamburg, Dresden, Osnabrück) und ahne noch nicht, dass mir diese nette Gesellschaft noch über 24 Stunden erhalten bleiben wird.

Zum Spieltag: In fröhlicher Runde kommen wir um 13 Uhr im neu gebauten Stadion in Manchesters Stadtteil Moston an. Bis zum Anpfiff sind es noch zwei Stunden. Der Broadhurst Park besteht derzeit aus zwei vollständigen Tribünen und zwei Stadiondächern, unter denen noch die Traversen fehlen. Mit einem großen Funktionsgebäude verbunden ist die Haupttribüne (Sitzplätze), rechts davon gibt es eine Stehplatztribüne. Sie stand vorher in einem anderen, 2013 abgerissenen, Stadion. Deren Außenfassade besteht aus Holzbrettern, was einen gemütlichen Eindruck macht – im brandschutzsensiblen Berlin zum Beispiel jedoch kaum akzeptiert worden wäre.

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Das ist nicht die »Alte Försterei«, sondern die Stehplatztribüne des FC United of Manchester

Hinter der Haupttribüne und unter der Stehplatztraverse befinden sich mehrere große Bars, die an VIP-Bereiche in vielen deutschen Stadien erinnern. Das Essen wird von Frauen der Fans am Spieltag frisch zubereitet und im Stadion für kleines Geld verkauft. Die Erlöse kommen komplett dem Verein zugute. Die Teenager-Kinder der Fans sammeln die leeren Teller und Tassen ein, was den familiären Eindruck zusätzlich verstärkt. Auffällig ist tatsächlich ein Unterschied zu deutschen Stadien: Frauen managen den Backstage-Bereich komplett (auch das Bier wird von ihnen gezapft), sie halten sich während des Spiels aber weitgehend im Hintergrund und sind auch deutlich in der Minderheit.

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Der einzige kommerzielle Wurststand im Broadhurst Park Stadion bietet deutsche Bratwurst unter dem Namen THE KAISER an, für umgerechnet über fünf Euro.

Das Spiel FC United gegen Gainsborough Trinity erleben wir auf den Stehplätzen, ein Ticket kostet neun Pfund. Die Unterstützung der über 3000 FC-Fans ist laut und abhängig von der Spielsituation. Die 200 Gästefans halten es genauso.  Heißt, es ist anders als in deutschen Stadien, wo der stete Singsang der Fans nicht erahnen lässt, welche der beiden Mannschaften eigentlich gerade einen Eckball hat, ob das eigene Team führt oder in Rückstand geraten ist.
Die nostalgische Atmosphäre bei United of Manchester erinnert jedenfalls angenehm an die achtziger Fußball-Jahre.

Aber der Ehrlichkeit halber muss ich auch sagen: Wir stehen also in der Hauptstadt des Insel-Fußballs zehn Meter hinter der Grundlinie und sehen in strömenden Regen ein Spiel, dessen Niveau in Deutschland kaum dem der Regionalliga entspricht, laufen nach Spielende wie viele Fans schnell zum Shuttle-Bus der öffentlichen Verkehrsbetriebe, um nach nur zehn Minuten in einem trubligen Innenstadt-Pub zu stehen und haben nicht das Gefühl, dass das verlorene Spiel (1:2) die Gemüter noch irgendwie bewegt.

Sportlicher Ehrgeiz des alternativen Manchester-Vereins scheint seinen Fans nicht wichtig, was zählt ist das beständige Gemeinschaftserlebnis. Familiäre Atmosphäre, freundschaftliche Begegnungen, bezahlbare kulinarische Qualität im Stadion. Das heißt aber auch umgekehrt: Rivalität zum Gegner fehlt und die Zuschauermenge droht den Rahmen des Stadions noch lange nicht zu sprengen. Es gibt keine –  nicht mal eine theoretische – Hoffnung auf große Zeiten, von der der Fußball fast überall auf der Welt lebt. Aus den Fankreisen hört man, dass das höchste Ziel die vierte Liga ist (in England die niedrigste Profiklasse).

Als Union-Fan wünsche ich mir dann doch, dass meinem Verein und seinen Fans eine solche Selbstbeschränkung erspart bleibt. Auch für uns ist der Zusammenhalt der zentrale Wert, aber irgendwie will man doch auch wenigstens von der großen weiten Welt des Fußballs (Bundesliga, Europaliga) zumindest träumen können.

Nach wie vor plädiere ich ja für die Gründung einer alternativen deutschen Fußballliga zu den Angeboten von DFL und DFB, um den fangeführten Vereinen den aussichtslosen Vergleich mit den gerade in Deutschland florierenden Konstrukten zu ersparen. Solch einen Ansatz scheint auf der Insel jedoch niemand zu teilen, wie unsere Gespräche zeigten. Leidenschaftliches Interesse am eigenen Verein und Unterstützung durch den Fußballverband (zum Beispiel für den Stadionbau) lassen darauf schließen, dass die Spaltung der Fußball-Ligen hier kein Thema ist. Die Öffentlichkeit hat eben die rebellische Neugründung des FC United längst wohlwollend akzeptiert.
Wir haben also viel gelernt auf unserem Trip. Übrigens auch, dass man dort mit dem deutschen Kürzel »ManU« nichts anfangen kann. Die Vokabel hat dort einen völlig anderen Sinn und wird deshalb selbst von Kritikern des reichen Klubs keinesfalls verwandt.

 

Nachtrag Fußball Museum

manchester_fuwo.JPGIm offiziellen englischen Fußball Museum, dass erst vor einigen Jahren nach Manchester verlegt wurde, fiel v.a. ein Titelbild der DDR-Fußballwoche vom 2. August 1966 auf, auf dem neben dem Triumph Englands auch die Siege der Bezirksauswahlen Leipzig und Rostock bei der Spartakiade (welche Rolle auch immer diese im Fußball gespielt haben sollten), vermerkt wurden. Dass die Zeitung nicht aus dem Land des Finalverlierers stammt, war übrigens nicht zu lesen.

 

 

Fotos: Autor

2 Gedanken zu “Die Guten aus Manchester

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