Hilfe, 18. Geburtstag

Wir hatten ziemlichen Bammel vor der Party, die bei uns zuhause stattfinden sollte. Wie sie war? Eine längere Geschichte

Text: Manuela Thieme

Winterkinder haben Pech, sie können nicht in Parks oder Biergärten feiern. Unsere Versuche, dem Sohn bei der Suche nach einem unkomplizierten, preiswerten Lokal oder Club zu helfen, scheiterten. Immer gab es klare Absagen der Wirte: »Mit 18-Jährigen ist der Ärger vorprogrammiert. Sie kriegen ihre Gästeliste nicht unter Kontrolle, trinken maßlos und am Ende gibt’s immer irgendwelche Sachschäden«.

Da wir als fünfköpfige Familie eine halbwegs geräumige Wohnung haben, fügen wir uns ins Unvermeidliche: Home-Party. Der Sohn sagt etwas von »81 Gästen«. Er mag die großen Gesten. Das ist das Eine. Das Andere: Er selbst geht am Wochenende immer irgendwo zu einer Party, nun waren wir also dran. Wir handeln die Zahl auf »höchstens 40« runter und können schon Tage vorher nicht mehr ruhig schlafen. Er bittet uns dann überraschend, unbedingt da zu sein, falls die Freunde-von-Freunden-Bewegung in Gang kommt. Wir sagen den Job als Türsteher in der Not zu.

Der erste Gast wird zum Füßewaschen ins Bad geschickt.

Unser Sohn tut alles, um uns zu beruhigen. Kauft ein, räumt hin, räumt her, schnippelt Obst, putzt Möhren, Tomaten, Gurken, rührt eine große Schüssel Getreidebrei an für Gemüseburger, hängt viele Zettel auf (WC / nicht rauchen / auch mal an die Nachbar denken / Schnaps-Verbot …). Auf dem Balkon stehen drei Kästen »Sternburg«-Bier, ein Kasten Wasser. Vorteil von Winterkindern: Die Badewanne wird nicht zum Ersatzkühlschrank. Wein und Säfte stehen auf Wunsch des Sohnes auch bereit.

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Sternburg-Bier ist billig und genießt Kultstatus in diesen Jahrgängen

21 Uhr ist als Starttermin ausgegeben. 20:25 Uhr kommen die Ersten. Vier Jungs. Sie bringen einen Kasten Bier mit. Intensiv wird besprochen, welche Mädels am Abend erwartet werden.

Mein Vorschlag, alle sollten – schon wegen des Balkons – die Schuhe anlassen, wird vom Gastgeber abgelehnt. Dann wäre der Krach beim Tanzen noch größer. Als einer der Freunde die Schuhe auszieht und aus seinen Socken unfassbarer Mief aufsteigt, schickt der Sohn ihn ins Bad zum Füßewaschen, versorgt ihn mit frischen Socken und erklärt von nun an jedem beim Empfang, dass man hier die Schuhe anbehalten kann.

Die Boxen laufen, die Musik wird gestreamt. Eine Playlist von einem bekannten Club-DJ. Um 21:45 Uhr kommen die ersten beiden Mädels. Es werden dann noch eine ganze Menge mehr. Sie stehen nach der Ankunft erst mal ewige Minuten vor unserem großen Spiegel und sehen sich satt an ihrer Schönheit oder diskutieren ihre vermeintlichen Makel, die es nicht gibt. Wir hören es ungewollt, unsere Wohnzimmertür schließt nicht gut.

»Nee, kannst nicht nachkommen, die Eltern sind da …«

Die Musikbässe wummern durch alle Wände. Unser kleines Kind (6) schläft trotzdem ein, der andere Bruder (16) begibt sich mit ins Getümmel. Das Essen ist längst alle. Jemand versucht die Gäste zu zählen. Mal ruft er »34«, mal »39, Mist, bleibt doch mal stehen, ich komm immer durcheinander«. Vor dem Klo gibt’s stets eine kleine Schlange. Es wird telefoniert, manches hören wir durch die undichte Tür: »Brauchst nix mitbringen, hier gibt’s alles, Alter!« oder »Nee, kannst nicht nachkommen, die Eltern sind da …« Unter den Gästen sind Mitschüler aus dem Abi-Jahrgang, Band-Kollegen, Schulabbrecher, Lehrlinge.

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Schnaps mit Sperrfrist

Der Erste geht um elf: »Ich muss morgen arbeiten.« Er jobbt am Wochenende als Animateur in einem Kinderfreizeitzentrum. Als Geschenk hatte er eine Flasche Korn mitgebracht. »Nicht für heute Abend« steht auf dem Glückwunsch. Neue Gäste treffen ein. Nett, offen, etwa die Hälfte kennen wir aus den Schuljahren des Sohnes. Aus den Nachbarhäusern schallen die ersten »Jetzt ist aber mal Ruhe«-Rufe über den Hof. Lachen, Kreischen in der Partyküche. Es wird immer lauter, es wird immer mehr getrunken. Die Stimmung ist prächtig, alle sind im Rausch, der Sohn versucht, klaren Kopf zu behalten. Er kommt zu uns und meint, wir sollen immer mal zufällig durch die Wohnung laufen, damit es nicht weiter eskaliert.
Es gibt nicht nur Bier und Wein, eine Mate-Flasche kreist, in die Whiskey umgefüllt wurde, mitgebrachte Colaflaschen sehen verdächtig blass aus, sie sind mit Wodka verdünnt. 

 »Labert jetzt mal leiser«

Der Sohn versucht zu tanzen. Zwei, drei machen mit. Es ist zu eng. Nach Mitternacht kommt eine Freundin und sagt: »Ich habe dir einen Kuchen gebacken, aber ihn leider vergessen.« Kurz danach wieder ein junger Mann. Er bittet um Wasser: »Ich bin mit dem Auto da.« Einige der Mädels haben sich gegenseitig auf dem Schoß, immer die gleichen Jungs belagern den Balkon. Der Sohn fleht mehrmals: »Labert jetzt mal leiser.« Drinnen überdrehtes Gegacker. Es gibt zwei Pärchen. Die sind schon länger zusammen und nicht mehr nur mit sich beschäftigt. Es wird geplaudert, gescherzt, geflirtet. Der Sohn wird später sagen, dass es vielleicht nicht die optimale Musik war. Denn die ist nur laut, laut, laut. Bei jedem Auto, was auf der Straße unten scharf bremst, rechne ich damit, dass es die Polizei ist. Der Sohn hatte uns schon vorher getröstet: »Bei fast allen Partys kommt die Polizei, da müsst ihr ganz entspannt bleiben.«

Sind wir nicht. Denn es wird nicht nur getrunken, sondern auch Zeugs geraucht. Immerhin: Selbst im größten Delirium fragen die Gäste immer noch brav, wo denn der Bio-, Glas- oder Papiermüll entsorgt wird. Im Bad steht plötzlich mein teuerster Mascara-Stift auf der Spiegelablage. Auf dem Rückweg laufe ich durch eine Pfütze, ein umgestürzter Apfelsaft liegt vor dem Flurschrank. Ich schnappe ein Handtuch, alles halb so schlimm. In der Nachbarwohnung pocht jemand gegen die Wand. Wir hatten im Hausflur einen Aushang gemacht, um Ärger zu vermeiden. Aber die Bässe um diese Zeit sind eine Zumutung, klar.  Dem Sohn schreibe ich eine SMS: »Musik jetzt bitte endlich auf Zimmerlautstärke.« Es ist ein Uhr, es wummert vorübergehend weniger. Dann geht es wieder los. Um halb zwei wage ich mich in die Menge und bitte um Verständnis, dass die Musik jetzt wirklich leiser werden muss. Alle nicken verständnisvoll.

Um 2.10 Uhr klingelt der letzte Gast.

Dann geht es ziemlich schnell. Um zwei verabschieden sich alle, sie wollen noch was zusammen machen. Wo? »Mal sehen.« Einer der Freunde des Sohns sagt an der Tür: »Danke, voll stabile Elternleistung!« Der Sohn ist auch irgendwie selig und geht noch mal mit hinaus in die Nacht.

Wir umarmen uns erleichtert und beginnen aufzuräumen. Die klebrige Apfelsaftlache bleibt das einzige Malheur. Lächerlich. Um 2.10 Uhr klingelt der letzte Gast. Wir empfehlen, die Kumpels anzurufen und zu fragen, wohin sie verschwunden sind.
Unser 16-jähriger Sohn ist nicht mehr mit losgezogen, er geht schlafen. Seine Abschiedsworte: »Wir haben echt eine coole Party-Wohnung.«

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