Kein Peter und wenig Wolf

Ach, immer wieder das gleiche Stück spielen, ist doch langweilig, meinen Theaterleute offenbar gern und werkeln etwas Neues zusammen, was sie dann Adaption nennen. Bei Kindern liegen sie damit allerdings völlig falsch

Text: Manuela Thieme; Foto: Christian Brachwitz für Theater in der Parkaue

Als nach 25 Minuten eine Frau genervt ruft: »Kann jetzt endlich mal ›Peter und der Wolf‹ anfangen?«, schauen sich die beiden Schauspieler auf der Bühne grinsend an, schließlich sagt einer: »Ja, gute Idee, warum eigentlich nicht.« Bis dahin haben sie Gitarre gespielt, mal mit, mal ohne Verstärker, auf einem alten Waschbrett geschrammelt, eine Säge zum Seufzen gebracht. Dazu gibt’s ein paar Videofilmchen und viele ungelenke Dialoge. Sie nennen das Musikstilkunde, meinen, dem Publikum etwas über Folk, Pop, Rock, Heavy Metal oder auch Oper zu vermitteln. Von Prokofjews Intention, mit dem Vorspiel in »Peter und der Wolf« Kindern die Instrumente eines sinfonischen Orchesters vorzustellen, bleibt nichts übrig.

»Was machen die Männer da eigentlich?«

Manche Eltern lachen mal über eine Bemerkung auf der Bühne, die Jungs und Mädchen folgen dem Geschehen hingegen nur die ersten paar Minuten gespannt und werden dann unruhig. Sie sind zwischen drei und neun, unentwegt fragen sie nun »Ist das eine der Großvater?«, »Wo bleibt denn nun der Wolf?«, »Soll nicht eine Ente mitspielen?«, »Was machen die Männer da eigentlich?« …

Lasst das Kindertheater den Kindern, möchte man flehen, wenn man diese Version von »Peter und der Wolf« im Berliner Prater angeschaut hat. Dort spielt das THEATER AN DER PARKAUE derzeit einige seiner Stücke, da das eigene Haus saniert wird.
Auf die alte Geschichte vom neugierigen Peter, der trotz der Warnungen des Großvaters hinaus Richtung Wald geht, haben die Künstler in dieser Koproduktion mit »norton.commander.productions.« keine Lust. Nach dem lauen, fast halbstündigen Intro über moderne Musikstile wird nun »Peter und der Wolf« hastig in zehn Minuten erzählt. Vielleicht waren es auch zwölf. Details, die Kinder interessant finden, gehen unter. Beispielsweise, dass Ente und Vögelchen zwar beide Flügel haben, die eine aber lieber schwimmt, das andere halt lieber fliegt. Oder dass die Katze das Vögelchen erst jagt und fressen will, ihm dann aber sehr dankbar ist, als es Peter hilft, den Wolf zu fangen. Auch die brenzligen Situationen zwischen Peter und Großvater bleiben unbeachtet.

Wer das Original will, solle sich ans Buch oder den Film halten, steht im Begleittext der Theaterpädagogen. Tja, liebe Kindertheatermacher, da irrt ihr wohl gewaltig. Die Magie des Theaters lebt in dem Alter auf jeden Fall von der Nähe und Echtzeit des Stücks, von den Ideen, wie man Figuren und Fantasiewelten erschafft und spielbar macht. In dieser Inszenierung gibt es zum Beispiel ein ganz wunderbar illuminiertes Bühnenbild mit schönen Regieeinfällen.

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Immerhin, das Bühnenbild war toll. Foto: Christian Brachwitz für Theater in der Parkaue

Die Kinder belohnen es mit sekundenlangen »Oooohs« und »Aaaahs«, als es das erste Mal auftaucht. Spätestens da muss doch allen klar sein, womit man die Kleinen fürs Theater begeistert und dass es nicht damit getan ist, zwei Männer in blaugrauen Overalls auf die Bühne zu stellen, die – auch noch gespielt unbeholfen – gängige Musikstile erklären.

Natürlich hat ein Jugendtheater kein Orchester und vielleicht auch kein Ensemblemitglied, das Oboe oder Fagott spielen kann. Aber man muss ein Stück deshalb auch nicht so reduzieren, dass es zur Nebensache verkommt. Es heißt, in den präsentierten Beats seien ein paar Grundmotive aus Prokofjews Partitur verarbeitet. Wie aber sollen die Kinder, die bestimmt zu 98 Prozent das erste Mal dieses Stück sehen, den Rückgriff aufs Original erkennen? Oder soll es der Spaß für die mitgereisten Eltern und Großeltern sein? Unnötig, absolut unnötig. Eltern und Großeltern sind dann vergnügt, wenn sie sich nach dem Stück nicht fragen lassen müssen, was eigentlich passiert wäre, hätte die wütende Zuschauerin nicht »Kann jetzt endlich mal ›Peter und der Wolf‹ anfangen?« gerufen.
Die Wahrheit ist: Es wäre noch öder gekommen. Die beiden schauspielernden Musiker hätten ihren Kram zusammengeräumt und so getan, als sei jetzt alles schon gelaufen. Um dann zu fragen: »War da nicht noch was?« Eine Feier der Irritation sei das.

Ich kann mich nur wiederholen: Bevor sich die Lust an der Dekonstruktion austobt, wäre es schön, Kinder erst einmal fürs Theater zu begeistern und sie nicht zu verstören. Imagination statt Irritation!

In der Programmankündigung stand: »… neu und überraschend arrangierte Adaption des musikalischen Kinderbuchklassikers«. – Wenn irgendwo Adaption steht, heißt das übersetzt also: Vorsicht!

PS: Unser ältester Sohn war unlängst auch in einer Inszenierung vom THEATER IN DER PARKAUE. Er hat »Klein Zaches. Genannt Zinnober« gesehen und war sehr angetan. Das als Nachtrag, damit es nicht heißt, im Netz wird nur gemotzt.

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