Wer guckt aus der Zeitung raus? Die Frauen-Männer-Statistik

Zeigt her eure Fotos. Männer? Frauen? Wer liegt vorn? Eine Nahaufnahme aus der »Berliner Zeitung«

Text: Manuela Thieme

Anfang des Jahres saß ich mit der »Berliner Zeitung« da (die ich abonniert habe) und ärgerte mich über eine Neuerung. Seit einigen Wochen wurden alle Meinungs- und Kolumnentexte im Blatt mit Fotos der Autor_innen bebildert, an jenem Tag lagen die Männer 6:1 vorn. War das nur heute so?

IMG_9235.pngIch nahm mir vor, das für vier Wochen mal statistisch zu beobachten und nebenbei zu schauen, ob dadurch das Verhältnis von Männer- und Frauenfotos in der »Berliner Zeitung« zusätzlich ungünstig beeinflusst wird. Eine empirische Spielerei, die dann doch aufschlussreich wurde. Dass in journalistischen Medien generell mehr Männer als Frauen abgebildet werden (und auch sonst Thema sind), ist seit Langem bekannt, gerade erst wurde dazu wieder eine große Studie der Universität Bristol veröffentlicht.

Zwischen dem 6. Januar und 4. Februar 2016 habe ich mich also durch 26 Ausgaben gezählt. Das Ergebnis:

Durchschnittswert je Ausgabe (gerundet)

48 abgebildete Männer
25 abgebildete Frauen

Damit liegt die »Berliner Zeitung« mit 34,5 Prozent Frauenanteil immerhin über dem Wert der genannten Studie (30 Prozent), ein Grund für Jubel ist dennoch nicht. (Meine Zählweise erläutere ich im Abspann.)

Bildschirmfoto 2016-02-11 um 12.09.19.pngKommen wir zum Kern: Bei Kommentaren und Kolumnen ist das Verhältnis noch männerlastiger. Von  227 Beiträgen wurden 156 von Autoren geschrieben, 71 von Autorinnen. Da solche Texte sehr wichtig für die Leser-Blatt-Bindung sind, ist die Schieflage problematisch. Die freigestellten Porträts der Autor_innen scheinen wirklich keine gute Idee zu sein, denn nun fällt erst recht auf, dass sehr viel mehr Männer als Frauen mit ihrer persönlichen Sicht der Dinge präsent sind.
Fazit: Die grafische Neuerung macht aus vermeintlich starken, weil auch optisch personalisierten Beiträgen, die Betonung einer Schwäche. Meinungsfreudige oder kolumnentaugliche Frauen sind bei der »Berliner Zeitung« deutlich in der Unterzahl (und wie jeder Medienkonsument weiß, natürlich nicht nur hier).

Das heißt übrigens nicht, dass durch mehr Autorinnen der  Journalismus automatisch ein besserer wäre. Er wäre ein anderer. Manchmal würden vielleicht mehr Einfühlungsvermögen oder Perspektiven erkennbar sein, aber eine Garantie ist das nicht. Man muss nur den Integrations-Essay von Anja Reich in der Berliner Zeitung vom 6. Januar 2016 lesen, in der sie u.a. auch Station bei der Neuköllner Bezirkschefin Franziska Giffey macht. So sehr ich die Autorin schätze, ein Satz wie »… allen voran die blonde dralle Neuköllner Bürgermeisterin, die aus Frankfurt an der Oder kommt« ist inakzeptabel und macht klar, dass Quoten allein den Medien nicht helfen. So ätzend über eine Frau zu schreiben, würden sich Männer heute wahrscheinlich gar nicht mehr trauen.

Übrigens sind Themenbereiche, die weitgehend eine frauenfreie Zone sind, bei der Berliner Zeitung der »Sport« und die »Wirtschaft« (wie überraschend), für die Politik – viele Jahre auch klar männerdominiert –, trifft das nicht mehr zu. Die polnische Ministerpräsidentin, die IWF-Chefin, die AfD-, Pegida-, Le Pen-Frauen, die vielen Ministerinnen in diversen Ländern – es liegt längst nicht mehr nur an Angela Merkel.



Die Zählweise: Ich habe nur redaktionelle Fotos in die Zählung aufgenommen, keine Illustrationen, keine Werbung, keine Bilder aus dem Serviceteil. Gruppenfotos wurden mit maximal zwei Zählungen eingestuft, waren Frauen und Männer zu sehen, ging je eine Wertung für beide in die Statistik ein. (Ansonsten hätten zum Beispiel Fußballmannschaften das Ergebnis völlig auf den Kopf gestellt.)

 

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