Was passiert, wenn man Amazon mal nicht verteufelt

Ein Jahr danach: Ein Blogbeitrag, dessen Wirkung uns selbst überraschte und 18 Dinge, die folgten. Zum Beispiel ein Anruf von Amazon, die fairen Graffs in Braunschweig, die rettende Kiste in Halle und was es mit dem Mittwoch auf sich hat

Text & Foto: Manuela Thieme

Vor einem Jahr erschien unser Text »Was man als kleiner Verlag so alles mit dem Buchhandel erlebt«. Er beschäftigte sich kritisch mit der gängigen Rollenverteilung »lokaler Buchladen = toll«, »Amazon = böse«. Der Beitrag machte rasant Karriere. Da immer wieder gefragt wird, welche Reaktionen es gab, fassen wir sie hier nach zwölf Monaten zusammen.

1. Der Beitrag wurde inzwischen über 20 000 Mal aufgerufen. Für unseren kleinen Blog ein klarer Rekord.

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FAZ.de, 23.02.2015

2. Faz.de und der Buchreport (Ausgabe 24/2015, S.4.) widmeten dem Text eigene Beiträge.

3. Das »Börsenblatt des deutschen Buchhandels« beließ es bei einem Zitat aus unserem Text: »Buchhändler verdienen mehr an einem Exemplar als der Autor. Ist das gerecht?« (Zum Verständnis: Oft bekommen Buchhändler 35 Prozent des Verkaufspreises, Autoren sind mit 8-12 Prozent dabei.)

4. Auf der Leipziger Buchmesse 2015 war die Trefferquote hoch, viele Aussteller hatten den Text gelesen und bedankten sich ausdrücklich. Wir haben dort auch viele Blogger persönlich kennengelernt; eine sehr sympathische Spezies.

5. Der erste Auswertungstext »Amazon vs. Buchhandel«, der eine Woche nach der Veröffentlichung erschien, wurde 2081 Mal aufgerufen. Die meisten Klicks aus diesem Beitrag heraus gingen an den Blogger Thomas Brasch (503), der aus Kundensicht das Verteufeln von Amazon ad absurdum führt.

6. Amazon meldete sich im Juni per Telefon und wollte auch mal wissen, wie denn die Rückmeldungen so waren.

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Coverentwurf

7. Wenn man bei Google die Stichworte »kleiner Verlag« eingibt, landet man ganz weit vorn auf der Trefferliste bei uns. Was dem Seitenstraßen Verlag bis heute viele Manuskriptangebote einbringt. Wir sichten sie alle. Einer der Texte erscheint demnächst als Buch; Titel: »Vater mit 50«.

8. Im Juli 2015 moderierte Mitautor & Verlagsleiter Chris Deutschländer in Potsdam beim »Büchermarkt« die Diskussion über Veränderungen der Buchbranche. Die Außentemperaturen betrugen angemessene 38° C.

9. Buchhändler mailten und riefen in den Wochen nach der Veröffentlichung an, um ihrem Ärger Luft zu machen. Wir hatten das Gefühl, dass sie in der Folgezeit besonders offen für unsere Lieferanfragen waren.

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10. Bei Graff in Braunschweig begrüßten die Geschäftsführer unseren Autor Stefan Schwarz Ende März zunächst mit frostigen Mienen. Im Verlaufe der Lesung hellten sich die Gesichter deutlich auf, der Autor brachte das Publikum in allerbeste Stimmung. Von den 110 bestellten Büchern wurde bis dato keins remittiert. Chapeau!

11. Der hohe Amazon-Anteil  bei unseren Gesamtverkäufen ging 2015 etwas zurück. Vom stationären Buchhhandel wurde gut direkt bestellt, unser erfolgreichster Autor (Stefan Schwarz) machte zwischen Februar und Oktober eine ausgedehnte Lesetour.

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12. Die heftigsten Enttäuschungen mit dem lokalen Buchhandel erlebten wir 2015 in Halle und Jena. In Halle kam der Buchhändler mit alten Stefan-Schwarz-Büchern zur Open-Air-Lesung, zum Glück hatte der Autor noch 100 Bücher seines neuen Titels im Auto. Die Kiste war danach leer (siehe Foto).
In Jena wollte der Buchhändler 30 Exemplare bestellen. Zu dem (frühen) Zeitpunkt waren für die Lesung schon 180 Karten verkauft.  Der Buchhändler bot uns als Verlag dann an, den Verkauf doch selbst zu übernehmen. Was wir gern machten. Ergebnis: wieder über einhundert verkaufte Exemplare.

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Woher kommen die Klicks?

13. Was die Zahlen angeht, erweist sich Facebook  bis heute als reichweitenstärkster Social-Media-Kanal; man muss aber  wissen: Twitter hatte die entscheidende erste große Neugier ausgelöst.  (Statistik)

14. Direkte Bestellungen von Einzelkunden in unserem Shop blieben die Ausnahme. Ausdrücklich auf den Text beriefen sich drei Käufer.

15. Interessant war / ist die Diskussion zum Beitrag. Es kamen bisher 70 Kommentare, teils sehr ausführlich. Wir haben uns bemüht, Fragen so gut und offen wie möglich zu beantworten.

16. Laut WordPress-Statistik ist Mittwoch 15 Uhr die beliebteste Lesezeit.

Bildschirmfoto 2015-12-29 um 18.43.47 Kopie17. Vom Netz-Aggregator »buzzsumo«  stammt eine Statistik zu den meistempfohlenen/-geteilten Texten 2015 zum Thema Buchhandel. Die Liste wurde uns zugeschickt. Unser Beitrag rangiert auf Platz 2 (siehe Screenshot)

18. Der Tag mit den meisten Aufrufen war der 17. Februar 2015: 5 291 Mal wurde der Beitrag angeklickt.

4 Gedanken zu “Was passiert, wenn man Amazon mal nicht verteufelt

  1. Mit Ihrem viel angeklickten Artikel sprechen Sie mir aus der Seele! Als ebenfalls kleiner Verlag sehe ich die Dinge genauso wie Sie. Amazon sind nicht die Bösen, und die unabhängigen Buchhandlungen sind einfach zu träge, verkaufen nach dem seit Jahrzehnten abgedroschenen „Schema F“ und bringen wenig Engagement mit. Das gleiche, was Sie mit Ihrem Verlag erlebt haben, habe ich mit meinem Kleinverlag auch erlebt beim Kontakt mit dem Buchhandel: „Nein, wir nehmen nichts auf Lager“, „nein, wir melden uns nur bei Bestellungen“, „nein, diese Bücher gehen nicht bei uns“. Man ist nur noch an „Schnelldrehern“ – sprich: Spiegel-Bestsellerliste – interessiert, der Rest der Verkaufsware ist „Beiwerk“. Damit machen sich 90 % der Buchhandlungen austauschbar – und wundern sich dann, wenn sie schnell in die Insolvenz rauschen. Ich besuche routinemäßig in jeder Stadt, in der ich bin, verschiedene Buchhandlungen. Ob ich in Buchhandlung A, B oder C gehe, überall liegt derselbe Kram derselben Verlage aus. Ausgelegt wird die Konzernware der „Großen“, wenn es Schnelldreher sind.
    Und wie Sie habe ich erlebt, dass bestellte Bücher nicht bezahlt wurden, dass ich nach mehr als 10-facher Mahnung von Buchhändlern noch kein Geld sah (bei Beträgen um die 10 EUR!!!). Die miese Zahlungsmoral, die „Bequemlichkeit“ der Händler, alles remittieren zu dürfen und es dann für jeden Pups auch zu tun. Intelligenteres Einkaufsmanagement würde Remissionen verhindern und auch eine engere Zusammenarbeit mit Verlagen ermöglichen. Dabei gibt es sehr gute Unternehmensberater, die Buchhandlungen wirklich gut beraten und „aufstellen“ können. Doch werden die Leistungen anscheinend kaum in Anspruch genommen.
    Ach, ich könnte mich hier noch stundenlang auslassen und an Ihren Artikel noch einen weiteren dranhängen mit noch mehr Dingen, die mir aufgefallen sind … Z.B. dass sich die Buchhandlungen softwaretechnisch von den Barsortimenten absolut bevormunden lassen; sie haben vorinstallierte Computer, mit denen sie z.T. nicht mal im Internet recherchieren können, sondern direkt und ausschließlich an die Bestellmaschine des Barsortiments angeschlossen sind. Scheuklappen pur! Sie sehen nur, was Ihr Hauptlieferant ihnen auf dem Bildschirm anzeigt, können auch nur das bestellen und weiterdenken oder weitergucken geht schon nicht mehr. Absolute Passivität! Ich merke, dass der Umsatz meines kleinen Verlages seit Jahren bei Amazon steigt, im stationären Buchhandel jedoch sinkt. … Lassen wir das. Mehr und mehr geht das Ganze in Richtung „Direktverkauf der Verlage an Endverbraucher“.

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