Abstiegszone Niedersachsen

Die Bundes-SPD wird seit Jahren von Niedersachsen dominiert und steckt tief in der Krise. Hannover 96 steigt jetzt aus der ersten Bundesliga ab. Natürlich gibt es einen Zusammenhang beider Dramen

Text: Chris Deutschländer

Innerhalb weniger Jahre ist der Verein Hannover 96 vom erfolgreichen Europa-League-Teilnehmer zum sang-, klang- und überraschend widerstandslosen Absteiger geworden. Ein in der jüngeren Bundesliga-Geschichte einmaliger Vorgang, der durchaus viele lokale Besonderheiten aufweist (Verprellung der Ultras, frühzeitig sinkende Zuschauerzahlen, Abwenden der Stadt vom Verein). Und auch dem benachbarten VfL Wolfsburg geht es in dieser Saison nicht eben gut, was mit der Entwicklung seines Trägerbetriebs Volkswagen zusammenhängt.

Wie konnte es dazu kommen? Niedersachsen hatte sich in den letzten beiden Jahrzehnten zu einem erfolgreichen Wirtschaftsstandort entwickelt und wurde zunehmend  zur bevorzugten Rekrutierungsquelle für politisches Führungspersonal in der Bundesrepublik. Gerhard Schröder, Christian Wulff und Philipp Rösler gelangten in höchste Ämter. Ursula von der Leyen galt bis zum Vorwurf, ihre Doktorarbeit sei ein Plagiat, als Merkel-Nachfolgerin. Bis vor ein paar Monaten führte das Triumvirat Gabriel, Oppermann, Fahimi die SPD rein niedersächsisch. Selbst der Berliner Landesverband hat (noch) einen niedersächsischen Vorsitzenden, dessen Landesliste für den Bundestag wurde von einer Niedersächsin angeführt (Eva Högl).

Wie kam es, dass lauter Niedersachsen die Bundes-SPD führen?

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Skulptur vor der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin ©cc_wikipedia/dorfjung

Manches sagt man den Niedersachsen nach: Sie seien bodenständig, hart im Nehmen und gerade heraus, Eigenschaften, die in der Politik durchaus gefragt sind.
Offenkundig ist es für Vertreter  aus dem Land des Mittellandkanals einfacher, in ganz Deutschland Akzeptanz zu gewinnen als für kantige Bayern. Anders auch als Sachsen, Badener & Schwaben oder Rheinländer polarisieren Niedersachsen nicht durch stark regional gefärbte Sprache und eigentümliche Folklore (von Lederhosen bis Karneval). Zudem waren sie die Gewinner der Achsenverschiebung durch die deutsche Einheit. Deutschland wurde protestantischer, egalitärer, bierseliger. Oder salopper gesagt: Die Niedersachsen galten mit der Zeit als so eine Art Ossis mit Westbiografie und -ausbildung. Das machte sie in ganz Deutschland wählbar. Womöglich war auch ein Irrtum im Spiel: Die SPD positionierte sich als Partei der Mitte, stand aber kaum für mehr als für das Land der Mitte.

Der politische Zauber jedenfalls ist verflogen. Der kleinste gemeinsame Nenner, der auf die Akteure aus dem Land der Mitte zutraf, hat offensichtlich nicht gereicht. Ihr ausgeprägter Hang zu Netzwerken war folgenreich –  vor allem die niedersächsische SPD sicherte sich damit alle Machtpositionen der Bundespartei. Doch thematisch konnten sie  keine neuen Akzente setzen, weshalb die niedersächsische Hegemonie zunehmend in der Kritik steht.

Doch die Niedersachsen-Dämmerung betrifft nicht nur die Sozialdemokraten, sie hat längst das ganze  Bundesland erfasst. Ökonomisch hakt es wegen überkommener, patriarchalischer Führungsstrukturen (VW, Kind Hörgeräte, Hannover 96, Rossmann) und nahezu fordistischer Massenproduktion (Wiesenhof, VW, TUI, Continental, Salzgitter) oder wie bei VW wegen grenzenloser Überdehnung des Unternehmens.

Niedersachsen war nach 1945 schon einmal Schaltzentrale der SPD

Gehässige Stimmen meinen, der Abstieg der Bundes-SPD begann nicht erst unter Sigmar Gabriel & Co., sondern schon mit dem Niedersachsen Gerhard Schröder. Besser wäre es, mal wieder daran zu erinnern, dass das spätere Bundesland Niedersachsen die entscheidende Schaltzentrale für die Auferstehung der Sozialdemokraten nach dem Zweiten Weltkrieg war.

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Kurt Schumacher (1895-1952)

Historisch mögen Leipzig, Gotha, Eisenach wichtig gewesen sein und das Ruhrgebiet die Herzkammer. Unmittelbar nach Kriegsende wurden die Weichen für die weitere Entwicklung aber woanders gestellt. Die beiden bedeutendsten Sozialdemokraten damals stammten aus Braunschweig (Otto Grotewohl) bzw. residierten in Hannover (Kurt Schumacher*).
Beide gehörten dem Reichstag bis 1933 an und wurden durch die Nationalsozialisten verfolgt. Was sie nicht daran hinderte, sich spätestens ab 1946 auf das heftigste zu bekämpfen. Noch 1945 wollten Braunschweiger Sozialdemokraten ihren populären Genossen zum Ministerpräsidenten des noch existierenden Landes Braunschweig machen.

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Otto Grotewohl (1894-1964)

Grotewohl aber setzte lieber auf seine Ostberliner Karriere (sie endete mit der Vereinigung von SPD und KPD zur SED, die damals durchaus auch im Westen einigen Anklang fand). In Hannover baute Schumacher wiederum die SPD für die Westzonen neu auf (unter Mithilfe seines späteren, aus Magdeburg stammenden, Nachfolgers Erich Ollenhauer sowie mit Annemarie Renger – sie wurde 1972 die erste Bundestagspräsidentin).

Dass die tiefe Abneigung zwischen Braunschweigern und Hannoveranern schon damals der Spaltung der Partei 1945/46 förderlich war, gehört zu den Fußnoten der SPD-Geschichte.
Wer diese gegenseitige Aversion nicht glaubt, sei an die Auseinandersetzungen vor, um und nach den Bundesligaspielen zwischen Eintracht Braunschweig (in den traditionellen Landesfarben, die sich in den Farben Niedersachsens nicht wiederfinden) und Hannover 96 in der Saison 2013/2014 erinnert, als beide Vereine in der 1. Liga spielten. Die Konflikte dürften sich in der kommenden Spielzeit wiederholen, wenn beide sich in der 2. Liga wiedersehen.

Der neue Name und der Basta-Politiker

Dabei war es mal die Mission des Landes, einen versöhnlichen, uneitlen Neuanfang zu ermöglichen. Niedersachsen war die einzige wirkliche Sprachneuschöpfung bei der Länderneubildung 1946, die durch die Auflösung Preußens nötig wurde. Während man anderswo den Bindestrich diplomatisch walten ließ (Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen usw.) suchte man bei der Vereinigung der Freistaaten Braunschweig, Schaumburg-Lippe und Oldenburg mit der preußischen Provinz Hannover nach einem Namen, in dem sich alle  wiederfinden sollten. Man bezog sich auf das historische Siedlungsgebiet der Sachsen um das Jahr 800, also derjenigen Deutschen, die unter ihrem Führer Widukind den Christianisierungszwängen Karl des Großen zunächst widerstanden und dann mit Gewalt niedergerungen wurden. ( »Für Verdienste um Europa und die europäische Einigung« wird heute alljährlich in Aachen der Internationale Karlspreis verliehen.)

Doch zurück zu Kurt Schumacher, der sich um die niedersächsische Gründungsidee des Ausgleichs nie scherte. Mehrheiten oder gar Einigungen in seiner Partei hat er nicht geduldig erstritten, sondern am liebsten angeordnet. Er war Prototyp bzw. der Erfinder des Basta-Politikers, kämpfte für den Fraktionszwang, sein autoritäres Auftreten galt als legendär.
Es funktioniert nur bedingt, mit dieser Schablone automatisch auch das Wirken von  Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel erklären zu wollen. Doch ihr schnoddriger, selbstgerechter, oft auch unberechenbarer Führungsstil hat der Partei zumindest keinen neuen Halt gegeben. Der Präsident des Fußballvereins Hannover 96,  Martin Kind,  mag gut dazu passen, der Schaden, den er bei seinem Klub damit angerichtet hat, ist allerdings leichter reparabel als die nun schon lange währende SPD-Krise.

Hannover 96 wird mit einem neuen Kader und klugen Trainer womöglich recht schnell wieder aufsteigen, die Sozialdemokraten sollten sich hingegen auf ihren Alltag in der zweiten Liga  einrichten (siehe auch Warum die SPD der 1. FC Kaiserslautern der Politik ist).
Man darf davon ausgehen, dass die künftige Spitze der Bundes-SPD regional wieder deutlich breiter aufgestellt sein wird, die neue Generalsekretärin Katarina Barley gehört nicht zur Niedersachsen-Sippe. Einen Vorteil hätte  eine gemischte Führung, sie würde bescheidene Wahlergebnisse besser verstehen und erklären können –  man denke nur an 10,6% (Sachsen-Anhalt), 12,4% (Sachsen, Thüringen) , 12,7% (Baden-Württemberg).


*Dorthin hatten ihn die Nationalsozialisten 1943 schwerkrank aus dem KZ entlassen, mit der Auflage, die Stadt nicht zu verlassen (hier sieht man also auch mal die Rolle des Zufalls in der Geschichte). Was wäre passiert, hätte man Schumacher nach Bayern (starke Förderalisten), Sachsen (Ostzone, starke linkssozialdemokratische Tradition) oder gar Breslau (1945 weg) entlassen?

 

 

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