Wie ich für die Wahlprognose im Einsatz war & an der AfD scheiterte

Warum weiß man um 18 Uhr schon, wie eine Wahl in etwa ausgegangen ist? Umfrage-Institute schicken dafür hunderte Leute los und lassen Wähler extra noch einmal abstimmen. Wie das genau läuft? Ein Selbstversuch

Text: Manuela Thieme

Als Kleinverlegerin verdient man ja meist eher kleines Geld. Da kam mir ein Angebot gerade recht, für die »Forschungsgruppe Wahlen« Umfragen zu machen. September 2016, Abgeordnetenhaus-Wahl in Berlin. Start Sonntagmorgen 7:45 Uhr.
Ich musste zum Arkonaplatz, gelegen zwischen Mauerpark und Kastanienallee. Bilderbuch-Prenzlauer Berg könnte man denken, aber die Gegend um den Platz gehört noch zu Berlin-Mitte. Ruhig, saniert, vielsprachig, kinderreich, ein Stück heile Welt.

Das Wahllokal, in dem mein Kompagnon und ich Befragungen machen sollen, befindet sich in einer Schule. Draußen auf dem Platz bauen Händler ihre Stände auf, sonntags ist hier immer Flohmarkt.

»Endlich werde ich auch mal gefragt«

Jede/r Vierte, der gewählt hat, soll unseren Fragebogen ausfüllen. Das ist die Vorgabe. Die Zählrhythmen sind nicht überall identisch, es hängt unter anderem von der Zahl der Wahlberechtigten und der Wahlbeteiligung beim letzten Mal ab. So wurde es uns in einer Schulung erklärt. Bei uns gibt’s 1144 Wahlberechtigte, etwa 400 haben schon Briefwahl gemacht.  – Wie die Wahl am Ende in Berlin ausgegangen ist, weiß inzwischen jeder. Was wir erlebt haben, macht Einiges sehr nachvollziehbar.

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Schulflur vor dem Wahllokal. Unser Arbeitsplatz.

Es dauert an diesem Morgen 20 Minuten, bis wir unsere erste Nr. 4 ansprechen können. Drahtiger älterer Herr, randlose Brille, wirres Haar. Er stürmt aus dem Wahllokal. Wir haben uns vor der Tür postiert, auf dem Schulflur. Er hört sich unseren Erklärtext nicht mal zu Ende an, greift sich das blaue Klemmbrett und füllt den Zettel zack, zack aus. Stopft das Blatt in die kleine, weiße Wahlurne mit dem ZDF-Logo, eine faltbare Pappschachtel mit Ikea-Charme.

Die ersten zwei Stunden sind gemütlich. Zwölf Fragebögen kommen zusammen. Ein »Verweigerer« ist dabei.  Wer nicht mitmachen will, wird trotzdem mitgezählt. Auf dem Zettel wird nur angekreuzt, ob Mann oder Frau;  Altersgruppe sollen wir schätzen. Und normal weiterzählen. Zwei Vierte freuen sich aufrichtig: »Endlich werde ich auch mal gefragt, ich wollte schon immer wissen, wie diese Prognosen zustande kommen.«
Andere würden gern mitmachen, sind aber eben nicht Nr. 4 und verstehen es erst, wenn man ihnen das Zufallsprinzip erklärt. Sie dachten, dass es eine persönliche Entscheidung sei, wer ran darf.

Nach 10:00 Uhr geht die erste Zwischenmeldung raus. Viermal CDU, dreimal Grüne, zweimal SPD, einmal FDP und Linke.  

»Ich habe wirklich überhaupt keine Zeit«

In den zwei Stunden danach füllt sich das Wahllokal schlagartig.  Ein Autor ist dabei, der ein berühmtes Generationenbuch geschrieben hat. Sieh an, er hat inzwischen zwei Kinder. Und ist tatsächlich der Vierte. Auch er macht anstandslos mit.
Viele rücken jetzt mit Nachwuchs, Laufrädern, Bällen, Kinderwagen an. Etliche haben ihre Wahlbenachrichtigungen nicht dabei und stellen sich erstmal an, um herauszufinden, in welchem Wahllokal sie überhaupt abstimmen sollen. Schlangen bilden sich.  Formel 4 wird schwer überschaubar, wir stehen ja draußen.

In dieser Runde  kommen wir schließlich auf 57 Bögen: Die Grünen setzen sich ab. Die SPD folgt mit großem Abstand. Die FDP und die CDU sind erstaunlich gut dabei. Die Linke hat bis dato drei Stimmen, Tierschutz und Piraten eine, die AfD null.
Zehn haben verweigert. Fünf von ihnen Männer zwischen 25 und 45, die »wirklich überhaupt keine Zeit haben«. Die allermeisten, die ablehnen, machen es sehr höflich und nett. Ein grauhaariger Herr im karierten Hemd sagt, er würde doch dem Fernsehen nicht verraten, was er gewählt habe. Und schüttelt auch nach weiteren Überzeugungsversuchen energisch den Kopf.
Ist okay, niemand soll genötigt werden.
Plötzlich kehrt er um und flüstert mir zu: »SPD, wie immer. Ist doch klar, oder?« Ich reiche ihm den Bogen noch einmal, er winkt wieder ab.

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Hier läuft heute das Spiel »Partei ärger‘ dich nicht«

Es geht auf eins zu. Die Wahlhelfer in unserem Lokal wollen gern wissen, wie’s läuft. Über die Grünen wundert sich niemand, die haben hier 2011 schon deutlich gewonnen. Die CDU- und FDP-Zahlen werden gelassen kommentiert:  »Na ja, der Prenzlauer Berg verbürgerlicht halt immer mehr.« Dabei ist das hier ja wie gesagt Berlin-Mitte.

Zweieinhalb Stunden später sind es weitere 47 Bögen. Die SPD holt auf, genauso die Linke. Die CDU fällt zurück, ihre Fans sind offenbar Frühaufsteher. Die FDP taucht stabil auf. Die AfD hat nun eine Stimme.
Die Ergebnisse werden wieder nach Mannheim telefonisch durchgegeben.

In 160 der 1779 Berliner Wahllokale finden Befragungen statt, wie wir sie machen. Verteilt auf’s ganze Stadtgebiet. Das ist schon eine stattliche Datenbasis. Die Bezahlung ist okay, mit Vorbereitung gibt’s 165 Euro.

»Ich will auch mal meine Meinung sagen«

Im Nachbar-Wahllokal auf dem gleichen Schulflur steht gerade AfD-Frau Beatrix von Storch in der Warteschlange. Sie wohnt am Arkona-Platz. Mit Leibwächterin und Personenschützer huscht sie durch die Tür. Fotografen sind nicht in Sicht.
Eine Frau mit russischem Akzent will unbedingt an unserer Befragung teilnehmen, sie begleitet ihren Mann, der hier abstimmt: »Ich lebe und arbeite hier seit sechs Jahren, ich will auch mal meine Meinung sagen.« Sie ist enttäuscht, dass unsere Aktion nur für Wähler in Frage kommt.
EU-Ausländer dürfen an dem Tag die Bezirksverordneten mitwählen. Die Resonanz ist erstaunlich, immer wieder mal ist jemand von ihnen der Vierte. Das Blatt wird gern ausgefüllt; kann dann aber auch nicht gezählt werden, da es eben eine Nachbefragung zur Abgeordnetenhauswahl ist.

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So sieht ein Fragebogen aus.

Kurz nach 17 Uhr sollen wir wieder melden.  Wir haben uns die Arbeit geteilt. Ich kümmere mich um die Wähler, mein Co-Pilot um die Zahlen. Die Grünen schwächeln etwas, die SPD holt auf, die Linken auch. Die AfD fehlt weiter. Die Verweigerer sind diesmal eher weiblich. So gleicht das Zufallsprinzip alles aus.

Kurz vor sechs dann noch eine Zählung. Die Linke berappelt sich weiter. Ihre Wähler sind hier sehr spät dran. Die FDP ist auch wieder mit dabei. Der Mann, der sie ankreuzt, macht noch ein Kreuz bei »Gewerkschaftsmitglied«. Eines der wenigen an diesem Tag.  Auch danach wurde auf dem Fragebogen kurz gefragt. Genauso wie nach der Wahlentscheidung vor fünf Jahren.

Wenig später gehen die Prognose-Zahlen über den Sender. Kaum haben die Wahllokale geschlossen, scheint alles geklärt: Abstimmungsergebnis, Alter, Beruf,  Wählerwanderung. Im Verlauf des Abends wird’s dann aber doch noch anders, vor allem in Sachen AfD und Linke. Die Umfrageinstitute lagen da erstmal noch ziemlich daneben. Wir können nur sagen: Die AfD-Wähler haben sich halt nicht zu ihrer Abstimmung bekannt und sind wohl unter jenen gewesen, die fluchtartig das Haus verließen, als wir mit dem Fragebogen vor ihnen standen. Am Ende hat die Partei in unserem Wahllokal 21 Stimmen (3,6 Prozent).
Bei den Linken wiederum legten die Wähler hier auffallend langsam los, die Zugewinne sind dann erst in spätere Auswertungen mit eingeflossen. (Die Vermutung, dass die stolzen Zuwächse im Gesamtergebnis plötzlich von den ausgezählten Briefwahlstimmen kamen, ist jedenfalls nicht korrekt, Link. Im Gegenteil: CDU, FDP und Grüne haben vorab besonders profitiert.)

Bei uns im Wahllokal wurden am Ende 591 Wahlzettel für die Abgeordnetenhauswahl abgegeben, 655 für die Bezirksverordnetenversammlung. Wir schafften insgesamt über 150 Nachbefragungen, sodass Richtwert 4  gut aufgeht. Aus Spaß an den Zahlen haben wir aus unseren Bögen übrigens auch ein Ergebnis hochgerechnet  und es dann später mit der realen Auszählung verglichen (hier das Ganze als PDF statistik_wahl118). Die Präzision ist ganz okay, wenn man bedenkt, dass die Rechnerprogramme des Umfrageinstituts  bestimmte  Fehlertoleranzen  sowieso berücksichtigen. Nur die AfD-Phantome müssen künftig offenbar forscher von den Forschern hochgerechnet werden.

Wir sind gespannt auf Ihre Meinung & sagen schon mal danke!

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