Haustürwahlkampf im Plattenbau

Im Mühlenkieze vor der Türe – wie ich ausgerechnet im 21-Etagen-Hochhaus helfen wollte, den widersprüchlichsten  Wahlkreis Berlins für die Grünen zu gewinnen

Text und Fotos: Chris Deutschländer

Anfang des Jahres berichtet unsere Lieblingsabgeordnete von ihren Wahlkampfplänen: Flyer verteilen, Sprechstunden, Stände auf Plätzen und Straßen, vor S-Bahnhöfen und Haustürwahlkampf im Plattenbaugebiet. Da entfährt es mir spontan: Da bin ich dabei. Eine Mischung aus Neugier, Beschützerinstinkt und Unglaube lassen in mir die Überzeugung entstehen, dass ich dafür der optimale, wenn nicht gar der einzig mögliche Begleiter für meine Lieblingsabgeordnete (MLA) bin.

Um es vorwegzunehmen: Ich halte schon wenig von Straßenwahlkampf, von Haustürwahlkampf gar nichts. Vor der letzten Bundestagswahl hat diesen der SPD-Kandidat Steinbrück bei einigen gut vorbereiteten Terminen öffentlichkeitswirksam praktiziert. Er besuchte parteinahe Leute, deren Familien bei seinem Besuch eine Größe erreichten, die es seit den fünfziger Jahren in Deutschland praktisch nicht mehr gibt. Wie das alles ohne Anmeldung in bis zu einundzwanzigstöckigen Häusern funktionieren soll, in denen MLA bei der letzten Wahl, ihrem Debüt in diesem Wahlkreis, zwischen 5 und 6% der Stimmen eingefahren hat, ist mir schleierhaft.

Zwischen Bio-Kiez, Plattenbauten und Stadtvillen

Zu MLA muss man wissen, dass sie in ihrer Partei sehr hohes Ansehen genießt, weshalb man ihr den definitiv heterogensten Wahlkreis in Berlin anvertraut hat: Beschauliches, (noch) nicht hippes Altbau-Weißensee, ein veritables Plattenbaugebiet (das einzige im Prenzlauer Berg), den oberhippen, vielseitig gelobten wie verunglimpften Bötzowkiez, 50er-Jahre-Bauten um die Kniprodestraße und zum Abschluss noch etwas ganz Seltenes: ein komplettes neues Wohngebiet, dass Anfang unseres Jahrtausends entstand und sich wie ein Keil zwischen die komplett andersartigen Stadtteile Friedrichshain und Lichtenberg schiebt. Dort ist Erststimmen-Wahlkampf einmalig ineffizient, weil die Passanten entweder in den Friedrichshain und nach Lichtenberg unterwegs sind und auch nicht glauben, dass das ehemalige und früher unbewohnte Schlachthofgelände zum Bezirk Pankow gehört, welches man nun wirklich weit weg wähnt. Ergänzt wird dieses Sammelsurium von Vierteln mit einander ausschließenden Lebensweisen noch durch die am dichtesten an der Innenstadt gelegene Einfamilienhaus-Siedlung im Schatten des im Gebiet des Namensgebers vollkommen unbekannten Volksparks Prenzlauer Berg.*

Innerhalb des Wahlkreises hat also jede Partei eine Hochburg. Gewonnen werden kann er jedoch nur von der SPD, die nirgendwo besonders gut, aber auch nirgendwo besonders schlecht abschneidet und diesen Wahlkreis auch nach 2001, als die PDS mit Spitzenkandidat Gysi alle Ostberliner Wahlkreise gewann, immer mit deutlichem Vorsprung holte. Aus dieser Erkenntnis heraus hat sich MLA entschieden, ihren Wahlkampf nicht auf die Hochburgen (Bötzowviertel, Weißensee) zu konzentrieren, sondern überall präsent zu sein. Sie will gerade im Thomas-Mann-Viertel, offizieller Euphemismus Mühlenkiez, zeigen, dass man dieses Wohngebiet nicht abgeschrieben hat.
Und so verabreden wir uns an einem schönen späten Nachmittag Ende August zum Klingeln am Pieskower Weg. MLA ist sicher gern mit mir unterwegs, jedoch auch gern mit anderen, weshalb sie mir die Hausnummer des ausgewählten Hochhauses als Zahlendreher durchgibt und mich auf eine mehr als halbstündige Odyssee durch den Kiez schickt. Ich frage jeden Menschen nach der Hausnummer 25 und bekomme unheimlich viele nette Antworten, u.a. von einem vietnamesischen Paar mit Kinderwagen, es doch einfach mit der 52 zu probieren.
Je mehr ich das Viertel kennenlerne, desto besser gefällt es mir, viel Grün, Parks, Wege, Spielplätze, sogar zwei kleine Kneipen. Ein bisschen in Sorge bin ich, als ich das dritte Mal an einem Spielplatz vorbeikomme und immer noch nach einer Hausnummer suche. Es sind schon Männer für weniger auffälliges Verhalten in der Nähe von Klettergerüsten überwältigt und der Polizei übergeben worden. So beginne ich gerade nach der 25 in den anderen beiden Straßen zu suchen, als mich der Anruf erreicht, dass es die 52 ist, man hätte die Hausnummer ja nicht sehen könne, solange man im Gebäude war. Ich bin wirklich nicht traurig über meinen Nachmittagsspaziergang, frage mich im Nachhinein jedoch, ob nicht irgendjemand hätte wissen müssen, dass diese Straße keine Nummer 25 (wahrscheinlich gar keine geraden Nummern) hat. Also schnell rein ins Hochhaus, wo sich MLA und ihre Begleiterin schon erfolgreich von Etage 21 heruntergearbeitet haben, mein erster Einsatz daher in der 17. Etage beginnt.

Zwischen Unterhose und Businesskleid

Stefanie Remlinger Wahlkampf Plattenbau»Guten Tag, am 18.9. sind Wahlen zum Abgeordnetenhaus. Ich kandidiere in diesem Wahlkreis für die Grünen für das Direktmandat und möchte mich Ihnen vorstellen und etwas zum Lesen da lassen.«

Der erste Wähler, mit dem ich nach dieser freundlichen Eröffnung durch MLA in Kontakt trete, sorgt für Kindheitserinnerungen. Er steht tatsächlich in Unterhemd und Unterhose** vor der Frau, die ihn im Parlament vertreten will, lächelt, nimmt den Flyer und schließt die Tür.
Na, läuft doch. Freundliche, offene Menschen hier, echte Ossis eben. Das zweite Klingeln. Eine auffällig gut gekleidete Dame öffnet, die auch in jeden der anderen Kieze des Wahlkreises passen würde, und schon ist es mit der Freundlichkeit vorbei: »Aber doch nicht an der Haustür!«. Genau, wie ich mir das vorgestellt hatte, frohlocke ich heimlich und befürchte einen deprimierenden Abend.

An der nächsten Tür ein Aufkleber des 1. FC Union. »Siehst Du: Mit mir hast den richtigen Begleiter!« Ich wachse sichtlich an der mir bevorstehenden Aufgabe. Schade, dass er (oder sie) nicht zu Hause ist. Etwa jede zweite Tür wird uns verschlossen bleiben. Nirgendwo aber  wird jemand durch den Spion schauen und dann nicht öffnen, was man bei der Hellhörigkeit der Wohnungen und der konsequenten Ruhe in den Hausfluren bemerkt hätte.
Weiter geht´s. Jede Etage hat acht Wohnungen. Bei 21 Etagen und durchschnittlich zwei Personen pro Wohnung, müssten über 300 Menschen in diesem Haus wohnen. Auf dem Lande wäre das ein eigenes Dorf mit eigenem Stimmbezirk.

Stefanie Remlinger Wahlkampf MühlenkiezDie Wege zwischen den Stockwerken führen außen am Haus entlang, zwischen den Etagen befinden sich Balkone, von denen man einen schönen Blick hat.

Auf der nächsten Ebene setzen wir das Klingeln fort. »Macht ihr nicht was für Kinder?«, fragt eine junge Mutter. Bevor MLA aus dem Wahlprogramm zitiert, merkt sie, dass es hier um sehr konkrete Hilfen, zum Beispiel ein Kinderfest, Luftballons u.a. geht und verweist auf das geplante Kinder-Event am kommenden Wochenende  in Weißensee, auch ein Teil ihres Wahlkreises. Doch die Miene der Mutter verfinstert sich, drei Straßenbahn-Stationen sind ihr zu weit. Schade, hier hätte man leicht helfen können.

Viele Fahrräder und Kinderwagen sind in den Hausfluren abgestellt, da muss doch für die Grünen was drin sein, bin ich überzeugt.
Wir klingeln bei einer Familie, interessierte kleine Kinder schauen durch den Türspalt, aus der Küche dringen intensive Gerüche. Das Elternpaar, sie blond, er dunkelhäutig kommt freundlich zur Tür. Multi-Kulti im Mühlenkiez. Es geht voran! Nach kurzem Gespräch und wieder geschlossener Tür dringt der intensive Geruch weiter in den Hausflur und man bekommt auch eine Ahnung, wie hier Konflikte zwischen Nachbarn entstehen könnten.

Stefanie Remlinger Wahlkampf HausflurWir nähern uns einem Höhepunkt unseres Haustürwahlkampfs: An einer Tür entdecken wir das Piraten-Logo. Unerschrocken drückt MLA die Klingel. Wir warten, nichts passiert, klingeln dann an der Nachbartür. Als diese sich öffnet, ist auch der Pirat parat und bringt unser Konzept durcheinander. Nun muss ich die große, junge, rothaarige Frau irgendwie ansprechen, will aber gleichzeitig zuhören, was der Pirat sagt. Er sagt nichts, zeigt auf das Logo an der Tür. In MLA erwacht der Kampfgeist und sie fragt, ob er vielleicht wenigstens seine Erststimme nicht verschenken will, wenn er es schon mit der Zweitstimme vorhabe. Der schwankende Pirat verneint und verschwindet wieder hinter seiner Tür. Da ich meiner unverhofften Gesprächspartnerin gegenüber kein Wort hervorbringe, muss sie wohl annehmen, dass wir ihr ihren Nachbarn vorstellen wollten. MLA rettet die Situation, trotzdem war dieser Auftritt nicht unsere Sternstunde.

Es gibt noch viel zu berichten, etwa vom Mann der seine Tür mit vielen Bayern-München-Sprüchen verziert hat, und bei dem wir ernsthaft überlegt hatten, ihn mit »Grüß Gott« anzusprechen. Was keine gute Idee gewesen wäre, da er uns spärlich bekleidet in deutlichem Berliner Dialekt begrüßt und verwundert den Flyer entgegen nimmt. Von vielen Leuten, die uns sagen, dass sie schon gewählt hätten, genau wüssten, was sie wählen. Manche können ihren Hund kaum davon abhalten, auf uns loszugehen. Ganz selten gewinnt man den Eindruck, es mit Wahlverweigern oder gar Protestwählern zu tun zu haben. Niemand meckert auf Politik und Politiker. Mein vorbereitetes Argument auf die Bemerkung, dass sich nie ein Politiker sehen lässt (»Hier steht ja eine«), brauche ich nicht rausholen. MLA erklärt mir, dass die wirklichen Meckerer eher an die Stände der Parteien kommen, weil sie sich bei der Annäherung besser auf ihren Auftritt vorbereiten könnten und das Überraschungsmoment dann bei ihnen liegt. Hier an der Haustür seien sie zu überrascht, um voll auf Konfrontation zu gehen.

Ich bin trotzdem erfreut, rechne mit guter Wahlbeteiligung und wachsendem grünen Stimmenanteil, bei geringem Erfolg für die AfD. Dass uns niemand mitteilt, die Grünen auf jeden Fall zu wählen, wie es an anderen Orten im Wahlkreis zu erleben war, macht mich nicht stutzig. Wir genießen dann die Abendsonne in einer der beiden kleinen Kneipen mit frisch gezapftem Berliner Pilsner. Ich lasse mir das gute Gefühl auch nicht verderben, als ich hier und dort das Symbol eines politisch umstrittenen Berliner Fußballvereins erkenne.

Stefanie Remlinger Wahlkampf StraßenbahnMLA ist bis zum Wahltag noch viel unterwegs, an Ständen mit und ohne Prominente, abends im Volkspark Friedrichshain, fährt mit einer selbst gebastelten Fahrrad-Straßenbahn durch Straßen und Parks, ist bei Kinderfesten in Weißensee und anderswo dabei, sie steht an S-Bahnhöfen, vor Supermärkten, Oberschulen. Ich begleite sie noch zum Flyer-Einwerfen und Wähler-Ansprechen durchs Schlachthof-Viertel.

Am Morgen nach der Wahl werden dann detaillierten Ergebnisse veröffentlicht. MLA hat den Wahlkreis wie erwartet nicht gewonnen. Im Mühlenkiez sind ihre Ergebnisse fast noch schlechter als beim letzten Mal. Die AfD kommt dort überall auf über 20 Prozent.

Na, da war mein Einsatz ja richtig hilfreich. Ansonsten gibt es im Wahlkreis analog zum Landesergebnis kleinere Verluste. Nur hier, da ist ein Gebiet, wo es Gewinne gibt. »Was habt ihr denn dort unternommen?« frage ich MLA. – »Da waren wir fast gar nicht.«


 

* Insgesamt eine Mischung also aus Prenzlauer Berg (Szeneviertel), Weißensee (solide Blockrandbebauung), Lichtenberg (chaotisch verteilte und undurchsichtig numerierte Plattenbauten), Friedrichshain (50er Jahre Blockrandbebauung ohne Läden und Gaststätten im Erdgeschoss, wie in der zweiten Reihe der Karl-Marx-Allee), Biesdorf (Einfamilienhäuser) und einem angehängten exterritorialem Gebiet aus dem 21. Jahrhundert (neugebaute Mehrfamilienhäuser gemischt mit drei-etagigen Stadtvillen, keine Schule, vier Läden), für das mir noch kein Stadtteil einfällt, wo diese Bebauung typisch ist.

** Der große Ostler-Erforscher André Meier hat sehr einleuchtend erklärt, warum der Ostdeutsche sich daheim ausschließlich mit Unterwäsche bekleidet: Durch die lockeren Umgangsformen in den Arbeitsstätten der DDR gab es kaum einen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit. Um diesen dann doch irgendwie zu dokumentieren, entledigte man sich in der Freizeit der Kleidung so weit es ging, an Badeseen und Stränden bekanntlich komplett.

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