Nele aus Bayern, 18, und ihr Praktikum bei einem SPD-Bundestagsabgeordneten

Wie wir als Kleinverleger eine wildfremde Schülerin beherbergten, mitten in die Martin-Schulz-Euphorie gerieten und einiges über die Unterschiede zwischen Berlin und Bayern lernten

Text: Manuela Thieme

Sonntag

Nele ist da. Sie ist 18, kommt aus einem Dorf in Bayern und will ein einwöchiges Praktikum beim SPD-Bundestagsabgeordneten ihres Wahlkreises machen. Ihr Koffer wiegt mindestens 20 Kilo, sie kriegt ihn allein die vier Etagen nicht hoch und entschuldigt sich: »Meine Mama hat immer mehr Sachen reingestopft, sie meinte: Man weiß ja nie.« Immerhin, ihre größte Sorge ist sie schon mal los: »Ich dachte, ich werde den Weg vom Busbahnhof quer durch Berlin zu euch nicht finden.«

Wir kennen sie nicht, es ist die Großcousine einer Kollegin. Die beiden haben sich nie gesehen, aber nachdem es offenbar schwer war, ein Zimmer in der Hauptstadt zu finden, wurden alle möglichen Verwandschaftskanäle aktiviert. Da unser ältester Sohn gerade längere Zeit im Ausland ist, konnten wir helfen, als die Frage kam, ob wir nicht wüssten, wo noch ein Bett frei sei.
Nele hat kein Problem mit unserem Jungs-lastigen Haushalt. Sie ist in der elften Klasse, Oberstufensprecherin, will Bundespolizistin werden, spielt Basketball, hatte einen heftigen Motorradunfall und arbeitet nebenbei bei Edeka. Das alles erfahren wir in kürzester Zeit, ihre Offenheit verbreitet gut Laune.
Das Praktikum hat der Bundestagsabgeordnete vorgeschlagen, Nele hatte schon eins in seinem Wahlkreisbüro gemacht. Da war er so begeistert von ihr und lud sie nun nach Berlin ein, damit sie nicht nur die Bürgerarbeit, sondern auch die Parlamentsarbeit kennenlernt.

Sie bringt am ersten Tag aus dem Büro ein Kilo Papier mit. Vorlagen für die Parlamentsdebatten. Sie wird es nicht schaffen, sie zu lesen.

Montag

Wir frühstücken kurz zusammen. Sie ist Vegetarierin. Hatte Nele nicht gestern erzählt, dass die Mutter in der Fleischerei arbeitet? »Es ist kein Protest gegen Mama, aber die Tiere tun mir leid.« Auf die Frage, warum sie eigentlich Bundespolizistin werden will, erzählt sie, dass sie bei einer Ausbildungsmesse war und die Argumente für diesen Beruf am besten fand. »Ich möchte nicht in meinem Dorf bleiben, will keinen Bürojob machen, finde die Bezahlung gut und es ist ein krisenfester Job.« Innere Sicherheit sei nunmal ein wichtiges Thema. Außerdem nehme die Bundespolizei schon Mädchen wie sie mit 1.60 Meter. Bei der Landespolizei verlangen sie mindestens 1.65 Meter.
Ihr Bruder ist 26, hat drei Ausbildungen nicht beendet, wohnt wieder zu Hause. Das will sie ihren Eltern nicht antun.

spd_quartett_bayern

Eigen-PR mal anders: Die bayrische SPD-Landesgruppe gibt’s gesammelt als Kartenspiel. Mit Angaben über Schuhgröße, Trachtenanzahl, Entfernung zum Bundestag …

Dann fährt sie  zum Abgeordneten. Sie will im Blazer los, es sind -6° C. Wir überreden sie, den Anorak drüberzuziehen, auch wenn man von uns aus höchstens 20 Minuten bis zum Bundestag braucht. Nele hat immer noch Respekt vor dem Verkehrswirrwarr und geht eine Stunde vorher los. Am späten Nachmittag kommt sie mit einem Kilo Papier wieder. Vorlagen für die Parlamentsdebatten, die soll sie lesen. Das wird sie nicht schaffen, denn sie muss gleich wieder los. Nur schnell umziehen zwischendurch. Die Landesgruppe Bayern der SPD trifft sich, Nele soll dabei sein. Sie würde lieber früh schlafen gehen, sagt sie, aber das könne sie ihrem Chef nicht antun.
23.30 Uhr ist sie wieder da. Ganz euphorisch. Die Abgeordneten haben sie viel gefragt und das Essen sei sensationell gewesen.

Dienstag

Sie fragt uns beim Frühstück, was wir als Kleinverleger eigentlich den Tag über machen. Wir versuchen, es ihr zu erklären. Texte lesen, mit Autoren reden, Bücher versenden, Abrechnungen schreiben, Webseiten aktualisieren, Social Media, PR und so.

spd_logo

»Für Neulinge ist es schwer, sich durch die die vielen Bundestagsgebäude zu navigieren. Ewig lange Flure, unterirdische Gänge, die die Häuser miteinander verbinden. Ich habe mich oft verlaufen«, sagt Nele.

Wieder begleitet sie ihren Abgeordneten. Martin Schulz ist heute Gast der Fraktion. »Begeisterter Empfang«, meldet Nele. Danach will sie am liebsten ein Foto von ihm und sich machen, sie folgt ihm, als er den Saal zum nächsten Termin verlässt. Andere waren schneller und stehen schon an. Nele geht leer aus. »Nach dem vierten Bild schien er arg genervt und verschwand.«

Dafür hat ihr jemand Karten für die Berlinale versprochen. Sie holt die Tickets ab, es gibt Kontingente für die Fraktionen, Interessierte zahlen den vollen Preis. Sie ist ganz glücklich: »Ich darf zur Berlinale, ich kann es gar nicht glauben.« Nele fragt, ob sie einen Tag länger bei uns bleiben kann, weil der Film erst am Samstagnachmittag laufe und der Bus nach Bayern dann schon weg sei. Klar darf sie bleiben.

Mit den Mitarbeiterinnen im Abgeordnetenbüro wird Nele nicht warm: »Die denken sicher, was will das kleine Mädchen aus der Provinz hier?«

Abends hat der Chef ein geheimes Essen, er hat ihr sogar erzählt, worum es geht, aber sie kannte sich eh nicht aus. Als sie bei uns ankommt, ist sie k.o., blättert im Papierstapel, telefoniert mit den Eltern. Ihren Edeka-Job am Samstag sagt sie ab. Das Geld wird ihr fehlen, aber die Berlinale ist es ihr wert. So lange sie nicht achtzehn war, bekam sie als Verkaufshilfe nur 7,50 €, jetzt zahlt der Chef wenigstens den Mindestlohn. Die Kollegen heißen Schwarz, Weiß, Roth und Grün. »Wirklich. Ich habe auch gedacht, das ist ein Witz.«.

Mittwoch

Der Freund, der die zweite Karte nehmen wollte, sagt ab. Nele fragt auf den Fraktionsfluren rum, immerhin hat sie für die beiden Tickets 28 € bezahlt. Keiner will.
Die Parlamentsdebatten beginnen mit einer Fragestunde. 30 Abgeordnete haben über 50 Fragen eingereicht. »Das war teilweise ganz schön spannend«, berichtet Nele. Später geht’s um  Erwerbsunfähigkeitsrenten und Altersarmut. Nele: »Wichtige Themen, aber kompliziert.«  Am Vormittag hatte ein Mann aus dem Wahlkreis im Abgeordnetenbüro angerufen und gefordert, bei einer Neuregelung rückwirkend auch mehr Geld zu bekommen. »Die Mitarbeiterinnen von meinem Abgeordneten sind ja leider ziemlich arrogant, jedenfalls mir gegenüber, aber sie haben sich Zeit genommen für den Anrufer, der offenbar ganz schön sauer war, weil er nichts nachgezahlt bekommt, wenn das Gesetz jetzt neu formuliert wird. Schließlich zog das Argument, dass er auch nichts hätte zurückzahlen müssen, wenn die Beträge gesunken wären.«

Ein Freund hat sie vor ihrer Reise nach Berlin gewarnt: »Absolute Reizüberflutung!«

Nele hat wieder einen Abendtermin. Sie kommt gutgelaunt wieder. »Das, wovor ich am meisten Angst hatte, in Berlin von A nach B zu kommen, ist jetzt fast am einfachsten.« Selten müsse man warten, herrlich. »Ich verstehe gar nicht, dass sich die Leute hier aufregen, wenn sie mal zehn Minuten rumstehen müssen.« Auf dem Lande, wo sie herkomme, würde man manchmal Stunden im Leerlauf verbringen, weil der Bus nach der Schule gerade weg ist und der nächste erst am Abend wieder fährt.
Von ihren Ersparnissen hat sich Nele deshalb ein gebrauchtes Auto gekauft, als sie 18 wurde. Nicht nur wegen der Schule, sondern auch weil sie ja zum Job und zum Training muss. Zu ihrem Elternhaus führt allerdings eine alte, schmale Gasse, in der man nicht wenden kann. »Papa empfahl mir, rückwärts reinzufahren, damit ich morgens vorwärts wieder starten kann.« Es dauerte nicht lange, da demolierte sie sich beim Rückfahrtsfahren den Kotflügel. »Ist ein bisschen peinlich, aber das Auto fährt ja noch. Papa meint, ich soll es erst machen lassen, wenn der Winter vorbei ist. Wer weiß, was noch passiert.«

Donnerstag

Nele schenkt uns die Berlinale-Karten, sie hat niemanden gefunden, der mitkommen will. Und ihre Eltern möchten nicht, dass sie allein geht. Der Film läuft in einem Saal  mit 1500 Plätzen. An der Friedrichstraße, es sind zehn Minuten Fußweg bis zu uns. Berlin muss einen schlimmen Ruf haben. »Ja, leider«, sagt Nele. »Ein Freund von mir hat Silvester hier gefeiert. Danach war er völlig fertig. Absolute Reizüberflutung, habe er gesagt und an jeder Ecke seien ihm Drogen angeboten worden.«

Nele zieht wieder los. Sie soll  weiter als Gast an Plenarsitzungen teilnehmen. Wieder irrt sie lange durch die endlosen Flure der Bundestagsgebäude, erzählt sie später. Als sie glaubt, sie sei richtig, öffnet sich der Fahrstuhl, vor ihr stehen Dutzende Kameramänner und Fotografen. Alle warten auf Frau Merkel, die auf dieser Etage im NSA-Ausschuss aussagen wird. Nele stellt sich dazu und wartet eine Weile mit, doch nichts passiert. Schade, sagt sie: »Erst Schulz gesehen und dann noch Frau Merkel, das wär’s gewesen.«
Also doch zur Bundestagsdebatte. »Es ist schon beeindruckend, wie ernsthaft und gründlich sich alle vorbereiten«, resümiert Nele. Zwischendurch geht es mit ihrem Abgeordneten zum Fotoshooting für die Bundestagswahlplakate ins Willy-Brandt-Haus. Nele schwärmt: »Wir sind mit so einem riesengroßen schwarzen Mercedes gefahren, der hat noch ganz neu gerochen.« Unterwegs habe ihr Chef gesagt, sie solle im Sommer mal wiederkommen und die Stadt mit dem Fahrrad erkunden, dann sei Berlin viel schöner. Sofort habe der Fahrer entsetzt gerufen: »Sie können doch so was der jungen Frau nicht raten. Wer das Fahrradfahren in der Stadt nicht gewöhnt ist, riskiert sein Leben.«

Die Bundestagsdebatten laufen bis weit in den Abend hinein. Eigentlich sollte Nele nochmal hin, sie entscheidet sich dagegen. »Genug gehört, ich kann es mir eh nicht alles merken.«

 

Freitag

Wieder reden wir beim Frühstück über ihre Eindrücke. Wir fragen sie im Scherz, ob sie schon ihren SPD-Beitritt erklärt habe. Nele lacht und sagt »Ja, gestern.« Fünf Euro Beitrag zahlt sie als Schülerin.

spd_beitritt

So sah der Willkommensgruß vor drei, vier  Jahren aus. Mal sehen, was Nele jetzt zugeschickt bekommt.

Nachmittags fährt der Bus Richtung Bayern. Heute muss sie sich nur noch verabschieden, habe ihr Abgeordneter gesagt. Er ist nicht da, als sie kommt. Dafür seine zwei Mitarbeiterinnen. Nach fünf Minuten ist Nele wieder auf dem Heimweg.»Die sind so kühl und lächeln so falsch. Ich bin noch nie so herablassend von jemandem behandelt worden, das macht mir echt zu schaffen. Die denken sicher, was will das kleine Mädchen aus der Provinz hier. Und es stimmt ja auch, ich habe von diesem ganzen Dingen keine Ahnung, was weiß man denn schon mit achtzehn. Mein Chef lobt die beiden Frauen aber immer sehr, sie managen sein Büro zuverlässig. Doch muss man deshalb so überheblich sein?« Zum Glück habe sie uns kennengelernt und wisse, dass nicht alle Berliner so komisch sind. Sie schenkt uns zum Abschied einen mitgebrachten Bocksbeutel Weißwein. Sie will uns auch Geld geben,  wir nehmen es nicht. Es war reine Gastfreundschaft, das hatten wir vorher schon so hinterlassen.

Ziemlich abgekämpft macht sich Nele dann auf den Weg zum Fernbus. Alle Euphorie verflogen? »Nein, gar nicht. Mein Chef ist wirklich ein toller Typ. Der arbeitet hart und setzt sich für die Leute ein, damit es gerecht zugeht. Da sind wir voll auf einer Welle. Und er hat mich gefragt, ob ich daheim bei uns in seinem Team für den Bundestagswahlkampf mitmache.«
Sie will es der Zentrale zeigen: »So schnell gebe ich nicht auf.«

Hinweis: Nele heißt eigentlich anders. Alles andere dürfte stimmen. Fotos: SPD Bayern

Merken

Advertisements

Wir sind gespannt auf Ihre Meinung & sagen schon mal danke!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s