Besuch im Gugl-Land

Was wurde es verrissen: Das Wahlkampf-Camp der CDU in Berlin-Mitte. Aber warum nicht mal hingehen, wenn man um die Ecke wohnt. Es gab ein paar Überraschungen

Text und Fotos: Manuela Thieme

Zum Schluss darf jeder mal wie Angela Merkel aussehen. Na ja, fast. »Das begehbare Parteiprogramm« (Merkel in Kurzform: … denn wer liest schon Parteiprogramme?) ist in vielerlei Hinsicht ein Experiment.

Aktuell zum Beispiel interessant: Ziehen die Wutbürger hier auch ins Gefecht? Oder aktivieren die Pöbeleien bei Merkels Wahlkampfauftritten à la Apolda, Bitterfeld, Finsterwalde gar neue Sympathisanten?
Als wir da waren, erwies sich das »fedidwgugl«-Haus in jeder Hinsicht als Ruhezone.

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Urban Style: die temporäre Wahlzentrale

»fedidwgugl« nennt die CDU ihr öffentliches Wahlkampf-Camp in Berlin-Mitte. Es ist der Code einer simplen Botschaft: Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben. Die Politarena wurde von der Agentur Jung von Matt eingerichtet. Auf zwei Etagen eines leerstehenden Kaufhauses mit historischem Charme; Brunnenstraße, Ecke Veteranenstraße. Eine Gegend mit vielen kleinen Lokalen, Designer- und Klamottenläden, allerlei Start up-Fabriken, hoher Hipster-, Fahrrad- und Kinderwagendichte auf Bürgersteigen, dazu in die Jahre gekommene Ostberliner Boheme, plus internationale Rollkoffer-Jugend, Canabis-Schwaden, kreativen Tagelöhnern, mittendrin Flaschensammler, Straßenmusiker, bettelnde Roma.

Eine wilde Mischung, bestimmt nicht traditionell-konservativ. Sprich, kein Heimspiel für die cleane Merkel-Truppe im schön morbiden Kaufhaus Jandorf, das seit vielen Jahren gelegentlich für Events vermietet wird. Wir wohnen ganz in der Nähe, haben hier schon Bar-Eröffnungen, Ausstellungen, Gameshows, Modeschauen erlebt. Jetzt also die CDU.
Die »fedidwgugl«-Zentrale wurde in den Medien, speziell den sozialen, vorzugsweise hämisch kommentiert. Nonsens-Kommunikation sei das, Wohlfühl-Langeweile, pseudo-stylisch. Sagen wir so: Unsere Erwartungen waren nicht hoch, vielleicht wurden wir deshalb nicht enttäuscht.

Doch, Migration kommt auch irgendwie vor

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Merkel-Ära in Kaufkraft gedolmetscht

Es gab noch andere Gäste außer uns, in übersichtlicher Zahl. Klar kann man lästern. Über ein riesiges, pulsierendes Plüsch-Herz (Wirtschaft), dazu viele aufblinkende Erfolgszahlen (wenigstens zwei, drei kritische Daten hätten die Sache schnell überzeugender gemacht), Cyberwelten, die ausschließlich düster und gefährlich dargestellt werden. Oft moniert wurden in Berichten auch nicht behandelte Probleme wie Zuwanderung und Bildung. Zumindest Schulen und Hochschulen sind im Rahmenprogramm untergebracht (wir haben eine forsche Johanna Wanka erlebt), Migration kommt – einem Statement gleich – am Rande vor (die Wachleute).

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Von giga bis gaga: Wunschzettel der Gäste

Die ausgewählten Themenstationen sind alle aufwendig inszeniert, die meisten interaktiv, manche gelungen, andere halt überzogen. Europa-Gefühle gibt’s in der romantischen Version (es heißt, das sei Merkels Lieblingsraum), Zukunfts-Aussichten in der spielerischen. Hier sind Roboter namens Dave und Emma am Werk und verarbeiten Notizen, die »fedidwgugl«-Besucher als Wunschliste fürs Land hinterlassen. Was am Touchscreen eingegeben wird, notiert Emma, Dave klebt die Zettel an die Scheiben. Fertig ist ein Mosaik von »Mehr gute Laune« über »Jena in die Championsleague« bis »Gerechte Löhne«.
Optisch cool kommt die »Familienpackung« daher, ein Raum gebaut aus Umzugskartons, bestückt mit vielen Alltagsschnipseln. Großeltern dürften eher verstimmt sein, da sie nur als verhuschte Alte vorkommen (Wo ist meine Brille? Wo sind meine Hustenbonbons?). Politisch wird’s hier jedoch endlich mal konkret: Angekündigt werden Regelungen für mehr »gemeinsame Familienzeit«, dazu Baukindergeld (pro Kind und Jahr 1 200 Euro, maximal 10 Jahre).

Spielen ist Experimentieren mit dem Zufall (©Novalis / Straßennamengeber unweit des fedidwgugl-Hauses)

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Bis zur Bundestagswahl tagen hier montags CDU-Präsidium und Parteivorstand. Die rote Nelke war vorher schon da und durfte bleiben.

Es ist in jedem Fall eine clevere Idee, im Wahlkampf jenseits von Info-Ständen an Tapeziertischen, Marktplatzreden und Haustür-Besuchen auf andere Weise Nähe und Offenheit zu zeigen. Zumal es Lockerungsübungen einer Partei sind, die habituell weitgehend im Kostüm- und Anzugstadium feststeckt. Angenehm: Man wird überhaupt nicht bedrängt. Falls man Fragen hat, ist die Freude umso größer.

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Nicht nur Peter Tauber (oben ohne) wird via Raute zum Merkelianer.

Wir gerieten am Ende dann noch in einen Rundgang, den Generalsekretär Peter Tauber anführte, Anzug und Turnschuhe kombiniert; es geht voran. Auch Unisex-Toiletten kann man hier ausprobieren, die sind aber nicht Teil der Tour. (Oder doch, Jung von Matt?) Die AG Digitalisierung der CDU war an diesem Nachmittag im Haus (man nennt sich natürlich zeitgemäß #cnetz), wie überhaupt so eine Wahlkampf-Zentrale vor allem der eigenen Klientel Optimismus vermitteln will und nicht Zufallsgäste wie uns überzeugen soll.

Tauber zeigte dann am Ende vor dem Riesen-Bildschirm mit automatischer Gesichtserkennung noch, wie man das Merkel-Emoji aktiviert. Einmal die Raute, schon geschafft. – Alle, alle machten es nach, wir auch.

Das fedidwgugl-Haus mit  der Ausstellung  und Begleitprogramm »Das begehbare Parteiprogramm« hat bis 24.09. 2017 täglich von 10 bis 22 Uhr geöffnet, Eintritt frei. Berlin, Brunnenstraße / Ecke Veteranenstraße. Weitere Infos: https://www.cdu.de/haus
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Hä? Liegt’s doch nicht an der Raute?

 

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